Räude

Erreger

Räudemilben sind weltweit verbreitet und führen beim Schwein zu einer deutlich verminderten Gewichtszunahme und einer verlängerten Mastdauer und damit zu wirtschaftlichen Einbußen.

Die Räude wird beim Schwein durch die Grabmilbe Srcoptes scabiei var. suis ausgelöst. Die Milben haben eine schildkrötenähnliche Körperform mit ventraler Abflachung, einen stumpfkegeligen Kopf und vier Beinpaare. Die adulten weiblichen Milben sind ca. 0,5 mm groß, die adulten männlichen Milben maximal 0,3 mm. Die vier kurzen Beinpaare der Milben sind mit ungegliederten, gestielten Haftscheiben ausgestattet, wobei das erste und zweite Beinpaar den seitlichen Körperrand überragt. Nymphen und Larven ähneln in ihrer äußeren Form der weiblichen adulten Milbe, sind aber kleiner. Larven besitzen außerdem nur drei Beinpaare.

Sarcoptes scabiei var. suis ist wirtsspezifisch, eine Übertragung auf andere Tierarten und den Menschen ist jedoch möglich. Somit zählt die Sarcoptesräude zu den Zoonosen und führt beim Menschen zur sogenannten Pseudoscabies.

Entwicklungszyklus

Die Sarcoptesmilbe lebt in und auf der Haut des Schweines. Die Begattung der weiblichen Milbe durch die männliche erfolgt nur einmal im Leben und zwar als auf der Hautoberfläche der Schweine. Die weibliche Milbe hat eine Lebenserwartung von etwa 4 – 5 Wochen und die männliche Milbe stirbt nach der Begattung sofort ab. Die befruchtete weibliche Milbe dringt in die Haut des Schweines ein und hinterlässt dabei typische Grabgänge. In der Haut legt die weibliche Milbe dreimal täglich zwischen 2 und 10 Eier. Aus den Eiern schlüpfen nach etwa 3 – 4 Tagen die Larven. Diese wandern zurück an die Hautoberfläche und entwickeln sich dort weiter über zwei Nymphenstadien, bis hin zur adulten Milbe. Die Entwicklung männlicher Milben bis zur Geschlechtsreife dauert ca. 9 – 14 Tagen, die der weiblichen etwa 12 – 21 Tagen.

Außerhalb des Wirtes können die Milben nur maximal 10 Tage überleben, deshalb entfernen sie sich aktiv nicht weit vom Wirt.

Übertragung und Epidemiologie

Die Übertragung der Milben erfolgt überwiegend durch direkten Kontakt von Schwein zu Schwein. Infizierte Sauen übertragen die Milben beim Säugen auf ihre Ferkel und Eber und Sauen infizieren sich gegenseitig beim Deckakt.

Die höchste Gefahr der Milbeneinschleppung in einen milbefreien Bestand erfolgt durch den Zukauf klinisch unauffälliger infizierter Tiere.

Da die Überlebensfähigkeit der Milben außerhalb des Schweins nur 10 Tage beträgt, spielt die Übertragung durch infizierte Einstreu, Stallungen und Geräte nur eine untergeordnete Rolle, sollte aber bei den Bekämpfungsmaßnahmen mitberücksichtigt werden.

Auf der Suche nach dem Wirt orientiert sich die Milbe nach der Körperwärme und Geruchsstoffen. Temperaturen unter 25°C und eine hohe relative Luftfeuchtigkeit verlängern, hohe Temperaturen und eine geringe Luftfeuchtigkeit verkürzen die Lebensdauer der Milben. Daraus resultiert ein vermehrtes Auftreten der Räude beim Schwein im Winter.

Klinisches Bild

Sichtbare klinische Erscheinungen als Folge einer Räude sind Hautveränderungen wie Rötungen, Pusteln, Borken und schmierige Krusten. Die Haut ist teilweise verdickt mit Faltenbildung. Insbesondere im Bereich der Grabgänge zeigt sich eine beschleunigte Verhornung, die zu hyper- und parakeratotischen Veränderungen und später zur Akanthose führt. Erste Läsionen zeigen die Innenseiten der Ohrmuscheln, weitere Prädilektionsstellen sind Kopf, Hals, Nacken, Beugeseite der Tarsalgelenke, Fesselgelenke und Schwanzspitze.

Insgesamt können zwei Krankheitsverläufe unterschieden werden: Die akute und die chronische Verlaufsform. Die akute, hypersensitiv-allergische Form tritt überwiegend bei Jungtieren auf und ist durch starken Juckreiz, generalisierte Erytheme und Urtikaria gekennzeichnet, während der Juckreiz bei der chronischen Form wesentlich weniger ausgeprägt ist oder vollkommen fehlen kann. Typisch sind hier Hautverdickung und Faltenbildung, sowie bakterielle Sekundärinfektionen betroffener Areale.

Die Dauer und die Intensität des klinischen Erscheinungsbildes sind vom Alter und dem immunologischen Status der Schweine abhängig. Bei reinfizierten Schweinen kommt es früher zu klinischen Erscheinungen als bei erstinfizierten Tieren.

Quelle: Prof. Dr. Karl Heinritzi, LMU München Quelle: Prof. Dr. Karl Heinritzi, LMU München

Quelle: Prof. Dr. Karl Heinritzi, LMU München

Quelle: Prof. Dr. Karl Heinritzi, LMU München

Quelle: Prof. Dr. Karl Heinritzi, LMU München

Folgeerscheinungen der Räude

Durch den Juckreiz kommt es insbesondere bei Sauen zu Stress und damit zu Ruhelosigkeit, die zum Erdrücken der Ferkel führen kann und zur Abnahme der Milchproduktion. Die juckreizbedingte Unruhe und das ständige Scheuern raubt den Schweinen Energie für Wachstum und Fleischansatz, die Futterverwertung nimmt ab, die Mastdauer nimmt zu. Auch eine subklinische Räude führt zu einer deutlichen Verminderung der Gewichtszunahme und verlängerten Mastdauer.Massives Scheuern der Schweine fördert zudem das Entstehen bakterieller Sekundärinfektionen. Auch zeigen räudekranke Schweine eine Neigung zur Abwehrschwäche und sind zu einem höheren Prozentsatz zusätzlich von Läusen und Würmern befallen

Quelle: Prof. Dr. Karl Heinritzi, LMU München

Diagnose

Mikroskopisch erfolgt der Nachweis von Milben durch Untersuchung eines Hautgeschabsels, das unbedingt im Bereich der Prädilektionsstellen, beim Schwein am besten aus dem Gehörgang entnommen werden sollte. Allerdings ist zu beachten, dass gerade bei subklinisch erkrankten Tieren der Nachweis schwierig ist und zu falsch-negativen Ergebnissen führen kann.

Die Diagnose kann vor allem auf Herdenbasis auch klinisch anhand der Symptome gestellt werden. Am aussagekräftigsten ist der Juckreiz, der durch den sogenannten Scheuerindex oder auch Kratzindex bewertet wird. Dabei wird eine Gruppe von Tieren aufgetrieben und ihre Scheueraktivitäten 15 Minuten lang beobachtet und gezählt. Die Anzahl der gezählten Scheueraktivitäten dividiert durch die Anzahl der beobachteten Schweine ergibt den Scheuerindex. Ist dieser höher als 0,4 ist, liegt der Verdacht auf Vorliegen einer Sarcoptesräude nahe, bei einem Index höher als 1,5 gilt die Räude als erwiesen. Ein Scheuerindex unter 0,4 zählt jedoch nicht als Beweis für ein Freisein von Sarcoptesmilben.

Eine weitere Diagnosemöglichkeit ist der Antikörpernachweis im Serum. Der Schweineorganismus ist durch den Speichel der Milbe, ihre Eier und ihre Ausscheidungen antigenen Einflüssen ausgesetzt, sodass er Antikörper bildet, die nachgewiesen werden können. Allerdings muss hierbei beachtet werden, dass Antikörper mit einer zeitlichen Verzögerung von 5 – 7 Wochen gebildet werden und somit ein Antikörpernachweis auch erst zu diesem Zeitpunkt sinnvoll ist. ELISA Verfahren zum Nachweis von Antikörpern stehen zur Verfügung.

Die Sarcoptesräude ist oft durch Hautläsionen gekennzeichnet, sodass an geschlachteten infizierten Schweinen deutliche Veränderungen nach dem Brühprozess zu erkennen sind, die Rückschlüsse auf Räude im Bestand zulassen. Dazu bedient man sich des sogenannten Dermatitis scores, wobei die Tierkörper auf Effloreszenzen an Rumpf, Bauch und den Flanken untersucht und nach der Schwere der Dermatitis beurteilt werden.

Prophylaxe und Therapie

Da die Sarcoptesräude bei Schweinen wie oben beschrieben gehäuft in den Wintermonaten auftritt, sollte mit Sanierungsmaßnahmen in den Sommermonaten begonnen werden.

Verabreicht werden sollten systemisch wirkende Antiparasitika über einen ausreichend langen Zeitraum. Wesentlich für den Therapierfolg ist ein genügend hoher Wirkstoffspiegel über den entsprechenden Zeitraum in jedem Schwein. Die Behandlung sollte in jedem Fall im Abstand von 7 bis 14 Tagen wiederholt werden. Geeignete Wirkstoffe sind Phoxim, das in verschiedenen Formulierungen zur topischen Anwendung verfügbar ist und Avermectine.

Wichtig ist es auch Reinfektionen vorzubeugen. Dazu ist es notwendig während der Behandlungsmaßnahmen keine zugekauften Tiere oder Tiere aus anderen Gruppen zuzustallen und keine Geräte zu benutzen, die auch in anderen Ställen benutzt werden. Außerdem sollte darauf geachtet werden, dass Besucher vor dem Zutritt zum Schweinestall eine ausreichende Hygieneschleuse durchlaufen, da die Sarcoptesmilben als Zoonoseerreger in seltenen Fällen auch einmal vom Menschen in den Bestand eingeschleppt werden können.