Leberegel

Schafe auf der Weide

Leberegel sind verantwortlich für die bei Hauswiederkäuern nicht selten auftretende Fasciolose. Es handelt sich dabei um eine weltweit verbreitete, meist chronisch verlaufende Infektion mit Trematoden der Gattung Fasciola. Der Entwicklungszyklus der Leberegel ist abhängig vom Vorkommen geeigneter Zwischenwirte, dadurch ist die Erkrankung vor allem bei Weidehaltung ein Problem und die Prävalenz regional unterschiedlich. Der Fasciolose kommt große wirtschaftliche Bedeutung zu, sie führt zu Leistungsminderung und zu Organschädigung, die wiederum den Schlachtwert der Tiere mindert.

Erreger

Beim Schaf kommen zwei Arten von Leberegeln vor, der große Leberegel Fasciola hepatica und der kleine Leberegel Dicrocoelium dentriticum. Leberegel zählen zu den Trematoden (Saugwürmer) und brauchen zu ihrer Entwicklung einen Zwischenwirt, im Falle des kleinen Leberegels sogar zwei Zwischenwirte. Bedeutende wirtschaftliche Folgen verursacht vor allem der große Leberegel, der schwere Leberparenchymschäden und Gallengangsentzündungen verursacht.

Der große Leberegel ist ein grau bis bräunlich gefärbter, bestachelter lorbeerblattähnlicher Plattwurm mit einem Mund- und einem Bauchsaugnapf. Geschlechtsreife große Leberegel können eine Größe von 3 x 1,3 cm erreichen.

Adulte Kleine Leberegel sind dorsoventral abgeflacht, transparent und 5 bis 15 mm lang sowie 1,5 bis 3 mm breit.

Entwicklungszyklus

Großer Leberegel

Die erwachsenen, zwittrigen Leberegel legen in den großen Gallengängen der Leber täglich bis zu 20.000 Eier, die mit dem Kot in die Außenwelt abgegeben werden. In der Außenwelt entwickelt sich die sogenannte Wimpernlarve (Mirazidium), die in die Zwergschlammschnecke eindringt. In der Zwergschlammschnecke entwickelt sich die Wimpernlarve zur Zerkarie. Die Zerkarien verlassen dann entweder die Schnecke und enzystieren an den Gräsern zur infektionstüchtigen Metazerkarie, oder überwintern in der Schnecke. Die infektiösen Metazerkarien werden von den Widerkäuern über das Futter aufgenommen und im Duodenum frei, wo sich der Jungegel durch die Darmwand bohrt und anschließend durch die Bauchhöhle wandert. Er dringt bis zur Leber vor und wandert dann ca. 6 – 8 Wochen durch das Leberparenchym, bis er sich etwa 55 - 57 Tagen post infectionem in den großen Gallengängen ansiedelt und geschlechtsreif wird.

Beim Schaf ist die Präpatenz kürzer und die Pathogenität höher als beim Rind.

Kleiner Leberegel

Die adulten kleinen Leberegel leben vorwiegend in den Gallengängen der infizierten Schafe und produzieren dort Eier, die mit dem Gallenfluss in den Darm gelangen und von dort aus über den Kot ausgeschieden werden. In den Eiern befinden sich bereits voll entwickelte Mirazidien. Die Eier sind extrem widerstandsfähig gegenüber Umwelteinflüssen, können den Winter überstehen und bis zu 20 Monate infektiös bleiben. Die Entwicklung verläuft über zwei Zwischenwirte. Erster Zwischenwirt sind Landlungenschnecken, welche die infektiösen Eier mit der Nahrung aufnehmen. In der Schnecke verlassen die Mirazidien die Eier und durchbohren den Darm der Schnecke. Sie bauen eine Neodermis auf und entwickeln sich so zu Sporozysten. Diese vermehren sich auf vegetativem Weg zu Tochtersporozysten, die anschließend Zerkarien freisetzen. Dieser Prozess kann temperaturabhängig 3 bis 4 Monate dauern. Sobald die Zerkarien voll entwickelt sind, wandern sie vom Hepatopankreas der Schnecke in die Atemhöhle vor. Hier ballen sie sich zu Schleimballen, die jeweils bis zu 400 Zerkarien enthalten zusammen, die von der Schnecke im Mai und Juni ausgeschieden werden. Infizierte Schnecken können 2 bis 3 Jahre überleben, die Zerkarien in den Schleimballen aber nur wenige Tage. Die Schleimballen werden von Ameisen, die den zweiten Zwischenwirt darstellen aufgenommen, sodass die Zerkarien in die Leibeshöhle der Ameisen gelangen. Hier enzystieren sie innerhalb von 1 bis 2 Monaten zu Metazerkarien. Einige wenige Zerkarien wandern auch ins Unterschlundganglion der Ameise und verursachen so Verhaltensänderungen der Ameise. Das führt dazu, dass die Ameisen bei Temperaturen unter 15°C auf Pflanzen klettern und sich dort bedingt durch einen Mandibelkrampf festbeißen und sich so verstärkt den Schafen zum Verzehr anbieten. Bei höheren Temperaturen verhalten sich die meisten Ameisen dann wieder normal, ein Teil bleibt aber auch an den Pflanzen festgebissen. Die infizierten Ameisen werden von den Schafen oral aufgenommen und verdaut. Dadurch werden die Metazerkarien freigesetzt, die anschließend über den Ductus choledochus in die Gallengänge wandern und dort eine Dicrocoeliose auslösen. Ein Zyklus dauert etwa 6 Monate. Im Gegensatz zum großen Leberegel erfolgt bei der Dicrocoeliose keine Körperhöhlenwanderung und auch keine Wanderung durch das Lebergewebe. Kleine Leberegel können bis zu 6 Jahre im Schaf parasitieren. Aus einem Ei können so bis zu 400.000 adulte Würmer entstehen.

Verlaufsformen und Symptome

Die Fasciolose kann akut, subakut oder chronisch verlaufen, wobei beim Schaf im Gegensatz zum Rind vor allem die subakute und die akute Form im Vordergrund stehen. Hauptkennzeichen der Fasciolose beim Schaf ist der rasche Verfall ca. 2 – 8 Wochen post infectionem, wobei sich erste klinische Symptome etwa ab September zeigen. Die Tiere magern ab, zeigen Appetitlosigkeit, einen aufgekrümmten Rücken als Zeichen von Abdominalschmerzen, knirschen mit den Zähnen, haben Atemnot, zeigen einen Ikterus, Symptome einer Peritonitis, Ödeme und erhöhte Temperatur. Oft kommt es schnell zum Tod der Tiere, der infolge von Blutungen in die Leber oder in die Bauchhöhle durch Wanderlarven eintritt. In seltenen Fällen kommt es zum chronischen Verlauf, der sich nach der akuten Phase in den Wintermonaten anschließt. Der chronische Verlauf ist gekennzeichnet durch eine fortschreitende Abmagerung, Anämie, trockene Wolle, Wollausfall und Kehlgangsödeme. Epidemiologisch stellen Schafe bei dieser Verlaufsform bedeutende Wirte dar, da die Egel anders als in Rindern in der Lage sind mehrere Jahre bei hoher Eiausscheidung im Schaf zu überleben. Der Grund ist, dass die Entwicklung einer natürlichen Resistenz und einer Immunität nach Infektion beim Schaf deutlich geringer ausgeprägt ist als beim Rind.

Der Befall mit kleinen Leberegeln ist gekennzeichnet durch eine chronische Infektion der Gallengänge und der Gallenblase. Da die Larven in den Schnecken überwintern und daher erst im Frühjahr die Ameisen befallen, besteht im späten Frühjahr das höchste Infektionsrisiko für weidende Schafe. Im Sommer sinkt dann das Infektionsrisiko, steigt aber im Herbst wieder an. Ein schwacher Befall verläuft asymptomatisch. Starker Befall führt vor allem bei Lämmern und Jungschafen zu verminderten Zuwachsraten oder Gewichtsverlusten und bei hochgradigem Befall auch zu Todesfällen.

Nach der Schlachtung der Tiere müssen in jedem Fall die Lebern verworfen werden.

Diagnose

Die Diagnose des chronischen Befalls mit Fasciola hepatica erfolgt durch Untersuchung von Einzelkotproben mehrerer Tiere nach dem Sedimentationsverfahren. Koprologische Untersuchungsergebnisse sollten immer im Zusammenhang mit klinischen Symptomen und der Anamnese der Weidehaltung interpretiert werden. Da die Eiausscheidung schubweise erfolgt sind falsch-negative Ergebnisse nicht auszuschließen. Bei akuter Fasciolose fehlt außerdem die Eiausscheidung gänzlich, sodass auf jeden Fall Wiederholungen der Kotuntersuchung anzuraten sind. Hinweise kann auch eine Blutuntersuchung geben, verdächtige Parameter sind erhöhte Leberwerte, Eosinophilie und Anämie sowie eine Hypalbuminämie. Eine sicherere Diagnose kann durch den Schachtbefund gestellt werden.

Beim kleinen Leberegel weist die Kotuntersuchung nur eine Sensitivität von 27% auf, da hier die Eiausscheidung ebenfalls schubweise erfolgt. Sicherer ist der Nachweis, wenn die Kotprobe per Flotationsverfahren unter Verwendung von Lösungen mit hoher Dichte untersucht wird. Auch hier ist der Schlachtbefund zu berücksichtigen.

Prophylaxe

Eine Therapie kommt aufgrund der nicht eindeutig zu stellenden Diagnose oft zu spät. Unter Berücksichtigung des Entwicklungszyklus des großen Leberegels stehen jedoch verschiedene Bekämpfungsmaßnahmen zur Verfügung. Da der große Leberegel für seine Entwicklung von der Zwergschlammschnecke als Zwischenwirt abhängig ist, ist eine Schneckenbekämpfung sinnvoll, da so der Entwicklungszyklus unterbrochen werden kann. Optimale Lebensbedingungen finden die Schnecken auf feuchten Weiden, in Tümpeln und Gräben. Durch Trockenlegung der Weiden werden der Schnecke die Lebensbedingungen entzogen.

Auch das Auszäunen der Feuchtbereiche der Weide oder eine Nutzung der Flächen zur Heu- und Silagegewinnung kann prophylaktisch sinnvoll sein. Eine Beseitigung oder effektive Dezimierung der Zwischenwirte ist allerdings unrealistisch, sodass Behandlungsstrategien über mehrere Jahre geplant und durchgeführt werden sollten, wenn in einem Betrieb eine Infektion nachgewiesen werden konnte.

Im Heu sind Metazerkarien bis zu 6 Monate, in der Silage lediglich 2 Wochen überlebensfähig. Daher sind Stallinfektionen durch entsprechend lange Heulagerung und Silagefütterung auszuschließen.

Therapie

Eine medikamentöse Behandlung kann wie beim Rind mit Wirkstoffen wie Triclabendazol, Albendazol, Closantel und Salicylsäureanilide erfolgen. Triclabendazol gilt als Mittel der Wahl. Ist in einem Bestand das Problem bekannt, sollten alle potentiellen Parasitenträger behandelt werden, das schließt alle Tiere ab einem Alter von 3 Monaten ein. Mit einbezogen werden sollten auch Rinder, Pferde oder Schweine, falls diese im gleichen Betrieb gehalten werden. Die erste Behandlung sollte zwischen Oktober und Mitte Dezember erfolgen, eine Wiederholungsbehandlung im März ist nicht nötig, wenn hoch wirksame Präparate verwendet werden. Beim Schaf hat sich zudem in Problembetrieben mit hohem Infektionsrisiko als Prophylaxe einer subklinischen Erkrankung die Anwendung bereits im August oder September bewährt. Das Bekämpfungsprogramm sollte für 2 – 3 Jahre angesetzt werden und danach auf Basis von Kotuntersuchungen eine Verlängerung der Intervalle angestrebt werden. Problematisch ist, dass laktierende Tiere nur in der Trockenstehzeit behandelt werden können und bereits Resistenzen gegen die Wirkstoffe zu verzeichnen sind.