Räude

Schafe

Die durch verschiedene Milbenarten ausgelöste Räude ist in der Schafhaltung von großer Bedeutung. Die entstehenden Schäden sind abhängig vom auslösenden Erreger und der Beteiligung von Sekundärinfektionen. Immer kommt es jedoch zu enormen Beeinträchtigung des Wohlbefindens der Tiere und das Resultat sind erhebliche Leistungseinbußen. Starker Juckreiz führt zudem zu ausgeprägter Schädigung des Vlies und zu Wollverlust für den Schafhalter.

Erreger

Die Schafräude ist eine ansteckende, parasitäre Erkrankung, die sowohl während der Stallhaltungs- als auch während der Weideperiode vorkommen kann. Beim Schaf wird Räude durch drei verschiedene Milbenarten hervorgerufen: Psoroptes ovis löst „Körperräude“ aus, Sarcoptes ovis löst „Kopfräude“ aus und Chorioptes ovis löst „Fußräude“ aus, die Bezeichnung resultiert aus den jeweiligen Prädilektionsstellen der Milben.

Die klassische Schafräude wir durch Psoroptes ovis verursacht. Psoroptesmilben sind obligate, permanente Parasiten. Erwachsene weibliche Milben erreichen eine Größe von ca. 0,8 mm, erwachsene männliche Milben bis zu 0,6 mm. Die Milben stechen von der Hautoberfläche aus mit Hilfe ihrer Mundwerkzeuge Lymphkapillaren an und ernähren sich durch aufsaugen der austretenden Lymphe, selten auch von Blut. Psoroptesmilben sind abseits ihres Wirtes relativ lange, ca. 7-12 Wochen überlebensfähig.

Die Kopfräude der Schafe wird hervorgerufen durch die Grabmilbe Sarcoptes ovis. Erwachsene männliche Milben erreichen eine Größe von bis zu 0,3 mm, erwachsene weibliche Milben bis zu 0,5 mm. Sarcoptesmilben sind Grabmilben, sie bohren Gänge in die oberen Hautschichten und ernähren sich von der austretenden Gewebeflüssigkeit. Sarcoptesmilben haben ein gewisses zoonotisches Potential und können beim Menschen zur Pseudoscabies führen, die jedoch in den meisten Fällen selbstlimitierend verläuft.

Die Erreger der Fußräude beim Schaf sind die Nagemilben Chorioptes ovis. Erwachsene männliche Milben haben eine Größe von bis zu 0,4 mm, weibliche von bis zu 0,6 mm. Diese Milben dringen nicht in die Haut ein, sondern nagen die obersten Hautschichten an und ernähren sich von Epidermiszellen, Talg und Entzündungsprodukten. Abseits von ihrem Wirt überleben die Milben nur etwa 10 Wochen.

Entwicklungszyklus

Alle beim Schaf vorkommenden Milbenarten entwickeln sich über ein Larven- und zwei Nymphenstadien zur adulten Milbe, die komplette Entwicklung findet auf dem Wirtstier statt. Die weiblichen Milben scheiden nach der Kopulation Eier aus. Bei Psoroptes und Chorioptes befinden sich alle Stadien von Larven, Proto- und Tritonymphen, bis zu Adulten auf der Hautoberfläche, dort findet auch die Eiablage statt. Psoroptes ovis bevorzugt Körperstellen mit dichter Unterwolle. Sarcoptesmilben legen ihre Eier in den Bohrgängen ab. Männliche Nymphen entwickeln sich in den Bohrgängen zu adulten Milben und kommen erst dann an die Hautoberfläche, weibliche Individuen begeben sich bereits als Nymphe an die Hautoberfläche, kopulieren dort mit adulten Männchen und entwickeln sich erst daraufhin zur adulten Milbe. Sie bohren sich anschließend wieder in die Haut ein, um erneut mit der Eiablage zu beginnen.

Den kürzesten Entwicklungszyklus weisen die Psoroptesmilben auf, den längsten die Sarcoptesmilben. Zur Eiausscheidung kommt es bei den Psoroptesmilben nach ca. 16 Tagen, bei den Chorioptesmilben nach ca. 20 Tagen und bei den Sarcoptesmilben nach ca. 25 Tagen.

Übertragung

Die Milbenübertragung erfolgt vorzugsweise über direkten Kontakt mit infestierten Schafen, die Milben werden auf diesem Weg horizontal innerhalb der Herde und vertikal von den Mutterschafen auf die Lämmer übertragen. Auch Einrichtungsgegenstände wie Raufen, Stallwände oder Zäune, die als Scheuerstellen bei Juckreiz verwendet werden, tragen zur Erregerübertragung bei. Oftmals erfolgt eine Übertragung auch durch neu hinzugekauft, asymptomatische Milbenträger, die dann die Milben unbemerkt in die Herde einschleppen. Vom ersten Kontakt eines Schafes bis zum Auftreten erster erkennbarer Symptome vergehen etwa 4 Wochen.

Lokalisation und Erscheinung der Läsionen

Die klinische Symptomatik ist abhängig von der Milbenart und der Lokalisation der Veränderungen. Die durch Sarcoptes- und Psoroptesmilben verursachte Körper- bzw. Kopfräude tritt meist in den Wintermonaten auf. Bei der Körperräude sind beim Schaf vor allem die dicht bewollten Regionen von Hals, Rücken, Rumpf und Flanken betroffen. Durch das Anstechen der Epidermis kommt es zu hochgradiger Exsudation und oberflächlichen Entzündung der Haut, verbunden mit einem starken Juckreiz. Dadurch beginnen die Tiere sich zu Kratzen und zu Scheuern und es treten Hautveränderungen von kahlen Stellen bis zu dicken Krusten auf, die sich besonders an Schultern, Rücken, Hals und Flanken beobachten lassen. Oft treten bakterielle Sekundärerreger hinzu und verkomplizieren das klinische Bild. Die Wollqualität wird stark beeinträchtigt, die Tiere magern ab und in seltenen Fällen kann es sogar zum Tod der Tiere kommen. Neben dieser akuten Verlaufsform einer Psoroptesinfestation ist eine seltenere, chronisch-latente Verlaufsform möglich, in diesem Fall beschränken sich die Milben auf den äußeren Gehörgang als Aufenthaltsort. Die klinischen Auswirkungen sind dann nur lokal und oft schwer zu erkennen, solche Tiere können leicht die Milben in einen Bestand einschleppen.

Die durch die Grabmilbe Sarcoptes ovis hervorgerufene Kopfräude befällt Schafe aller Altersgruppen. Anfangs lassen sich haarlose, borkig-schuppige Hautveränderungen zirkulär um die Augen beobachten, später dehnen sich die Veränderungen auf den Nasenrücken, den Stirnbereich, die Umgebung der Nasenöffnungen und das Maul aus und im fortgeschrittenem Stadium auch auf die Außen- und Innenflächen der Ohren. An den Ohren zeigen sich zunächst dezente knötchenförmige Eiterherde, die sich nach und nach zu schorfig-blutigen Hautschwellungen mit borkigen Belägen entwickeln. Auch am Euterspiegel, am Brustbein und den Schenkelinnenflächen können diese Hautveränderungen auftreten, allerdings nur vereinzelt.

Die durch die Nagemilben Chorioptes ovis verursachte Fußräude führt zu Bläschen und Krusten, die hauptsächlich an der Hintergliedmaße im Bereich der Tarsalgelenke, der Schenkelinnenflächen und Fesselbeugen beobachtet werden können. Bei männlichen Tieren ist oft das Skrotum mit betroffen. In Folge einer chronischen Entzündung kann es sogar zur Unfruchtbarkeit der Böcke kommen.

Wirtschaftliche Bedeutung

Die große wirtschaftliche Bedeutung eines Räudebefalles beim Schaf besteht in der stark verminderten Woll- und Lederqualität und der schlechten Fleischleistung der Tiere. Die häufigste und wirtschaftlich verlustreichste Räudeform ist die Psoroptesräude. Da sich alle Räudeformen sehr schnell innerhalb der ganzen Herde ausbreiten, entstehen schlagartig wirtschaftliche Schäden von beträchtlicher Höhe. Nur eine sorgfältige Prophylaxe kann diese Schäden verhindern.

Diagnose

Der direkte Erregernachweis erfolgt durch ein Hautgeschabsel am Übergang der gesunden zur veränderten Haut und anschließender mikroskopischer Untersuchung. Die verschiedenen Milbenarten können durch ihre unterschiedliche Körperform unter dem Mikroskop differenziert werden. Da jedoch in jeder zweiten Probe infestierter Tiere keine Milben nachgewiesen werden können, sind oft mehrere Geschabsel zur Diagnose erforderlich. Ein indirekter Erregernachweis kann mittels ELISA erfolgen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass zwar schon zwei Wochen nach dem ersten Kontakt der Schafe mit den Milben mit einer positiven serologischen Reaktion gerechnet werden kann, dass aber auch nach erfolgreicher Behandlung die Antikörpernachweise noch 3 – 5 Monate positiv ausfallen. Diese Methode ist vor allem für epidemiologische Untersuchungen geeignet.

Prophylaxe und Therapie

Bei einem Räudebefall sollte aufgrund der direkten Milbenübertragung die gesamte Herde behandelt werden, Die Bekämpfungsstrategie muss sich dafür nach dem Lebenszyklus der Milben richten. Vor der Behandlung empfiehlt es sich die Tiere zu scheren, da die Milben auf der Hautoberfläche leben und die äußerlich anwendbaren Antiparasitika dadurch besser an den Wirkungsort gelangen können. Zur Verfügung stehen Tauch-, Sprüh- und Waschbehandlungen. Wichtig ist, dass die gesamte Körperoberfläche behandelt wird, um den Milben keine Rückzugsmöglichkeiten einzuräumen. Es sollten auf jeden Fall zwei Behandlungen im Abstand von 7 - 14 Tagen durchgeführt werden. Geeignete Wirkstoffe sind Organophosphate und Pyrethroide. Solche Präparate haben zudem den Vorteil eines Residualeffektes in der Wolle auch gegen andere Ektoparasiten und Lästlinge.

Gleichzeitig müssen alle Einrichtungsgegenstände, sowie Zäune und andrere Kontaktgegenstände mit milbenwirksamen Reinigungs- und Desinfektionsmitteln behandelt werden.

In den kalten Wintermonaten können auch Avermectinhaltige-Injektionspräparate eingesetzt werden, um die Tiere nicht von außen befeuchten zu müssen.