Räude

Rind

Die wichtigsten Ektoparasitosen der Hauswiederkäuer werden durch Athropoden ausgelöst. Neben den Insekten sind vor allem die Milben bedeutsam. Beim Rind wird das typische Bild der Räude durch verschiedene Arten von Nagemilben (= Chorioptes bovis), Saugmilben (= Psoroptes ovis var. bovis) und Grabmilben (= Sarcoptes bovis) ausgelöst. Daneben treten beim Rind selten auch Haarbalgmilben (= Demodex bovis) auf. Alle Milbenarten sind obligate Parasiten, die lebenslang auf ein Wirtstier angewiesen sind. Durch die klimatischen Bedingungen tritt die Räude vor allem während der Wintermonate und bei Stallhaltung auf. Die Räude ist hoch ansteckend und breitet sich schnell innerhalb der ganzen Herde aus. Eine Infestation mit Milben führt zu einer starken Beeinträchtigung des Wohlbefindens der Tiere und zieht somit enorme wirtschaftliche Folgen durch Leistungseinbußen nach sich. Durch Schädigung der Haut wird zudem der Lederwert stark gemindert. Die Sarkoptesräude hat außerdem zoonotisches Potential und kann auch beim Menschen zu Pseudoscabies führen

Chorioptesräude

Erreger und Entwicklungszyklus

Die am weitesten verbreitete Räudeform ist die Chorioptesräude. Die Erreger sind Nagemilben. Chorioptesmilben haben einen stumpfen Mundkegel und lange, die Körperoberfläche überragende Beinpaare mit glockenförmigen, auf kurzen Stielen sitzenden Haftlappen. Erwachsene männliche Milben haben eine Größe von bis zu 0,4 mm, weibliche von bis zu 0,6 mm. Nach der Paarung legen die weiblichen Milben Eier auf der Hautoberfläche des Rindes ab, aus denen innerhalb kurzer Zeit die Larven schlüpfen. Nach zwei Nymphenstadien entwickeln sich schließlich die erwachsenen Milben. Die Gesamtentwicklungszeit beträgt etwa 11 Tage. Abseits von ihrem Wirt überleben die Milben nur etwa 10 Wochen.

Typische Läsionen

Aufgrund ihrer typischen Lokalisation wird die Chorioptes-Räude auch Steiß-, Schwanz- oder Fußräude genannt. Chorioptesmilben finden sich aber zum Teil auch am Euterspiegel. Die Milben leben auf der Hautoberfläche der Rinder und ernähren sich vor allem von abgeschilfterten Hautzellen oder Talgresten. Dadurch zeigen infizierte Rinder kleieartige Hautbeläge, sowie Haarausfall, Krusten- und Borkenbildung. Sekundärinfektionen sind selten.

Infektionsquelle und Infektionsdynamik

Auch latente Infektionen mit Chorioptesmilben können auftreten, d. h. die Tiere sind Milbenträger, zeigen keine klinischen Symptome, sind aber für andere Tiere im Bestand eine Infektionsquelle.

Unter dem Einfluss von Sonnenlicht, also z. B. während des Weidegangs verringert sich. die Parasitenpopulation und die Haarveränderungen heilen weitgehend ab. Zum Teil überdauern jedoch die Chorioptesmilben den Sommer und können sich nach der Aufstallung in den Herbst- oder Wintermonaten wieder vermehren, sodass die Räude erneut ausbricht. Allerdings zeigt die Chorioptesräude beim Rind im Vergleich zu den anderen Milbeninfestationen einen milden Verlauf. Entsprechend wird auf eine Behandlung oft fälschlicherweise verzichtet.

Psoroptesräude

Erreger und Verbreitung

Die Psoroptesräude, hervorgerufen durch Psoroptes ovis var. bovis, ist in Deutschland relativ selten und tritt vor allem in Mastbullenbeständen auf.

Psoroptesmilben sind Saugmilben, sie besitzen lange, spitze Mundkegel, lange, über die Körperoberfläche hinausragende Beine, die in trompetenförmigen Hautlappen auf langen, gegliederten Stielen enden. Erwachsene weibliche Milben erreichen eine Größe von 0,8 mm, erwachsene männliche Milben bis zu 0,6 mm. Nach der Paarung legen die befruchteten weiblichen Milben bis zu 100 Eier auf der Hautoberfläche des Rindes ab, aus denen dann die Larven schlüpfen. Diese entwickeln sich über Nymphenstadien zu erwachsenen Milben. Die Entwicklungsdauer beträgt ca. 9 Tage. Psoroptesmilben sind abseits ihres Wirtes relativ lange (7-12 Wochen) überlebensfähig.

Entstehung und Erscheinen der Läsionen

Auch die Psoroptesmilben leben auf der Hautoberfläche der Rinder, stechen mit ihren Mundwerkzeugen die Haut an und saugen die austretende Lymphe und Gewebsflüssigkeit auf. Dadurch kommt es beim Rind zur allergischen Dermatitis mit Haarausfall, Schuppen-, Borken- und Faltenbildung am Horngrund, an Hals, Brust und Widerrist, sowie gelegentlich auch an der Schwanzwurzel und Kruppe. Zum Teil zeigt die Psoroptesräude auch die Tendenz zur Generalisierung, insbesondere im Winter, in deren Folge es dann zu Todesfällen kommen kann.

Der auftretende Juckreiz führt zu starken Unruheerscheinungen der Tiere und zu Scheuerwunden, in die Bakterien eindringen und eitrige Hautveränderungen hervorrufen können.

Wirtschaftliche Bedeutung

Wirtschaftlich bedeutend sind die Hautveränderungen bei der. Lederverwertung, da die Psoroptesräude Hautschäden hervorruft und dadurch die Lederqualität beeinträchtigt. Juckreiz und Irritation der Rinder durch die Milben kann zu herabgesetzten Leistungen, wie schlechteren Zunahmen und geringerer Milchmenge führen.

Sarcoptesräude

Erreger

Die schwerste Räudeform des Rindes, die Sarcoptesräude, wird hervorgerufen durch Sarcoptes bovis, eine Grabmilbenart. Die Milben haben mikroskopisch einen schildkrötenähnlichen Körper mit abgerundetem Mundkegel und kurzen Beinen, wobei nur die ersten beiden Beinpaare den seitlichen Körperrand überragen. Erwachsene männliche Milben erreichen eine Größe von bis zu 0,3 mm, erwachsene weibliche Milben bis zu 0,5 mm.

Entwicklungszyklus

Die erwachsenen männlichen Milben parasitieren auf der Hautoberfläche des Rindes, die weiblichen Milben leben in Grabgängen in den obersten Hautschichten. Sie lösen durch ihre Speicheldrüsenwerkzeuge die obersten Hautschichten auf. Nach Paarung an der Hautoberfläche bohren sich die befruchteten Weibchen in die tieferen Hautschichten ein und legen dort ihre Eier ab, aus denen schließlich sechsbeinige Larven schlüpfen. Aus den Larven entwickeln sich Nymphen mit vier Beinpaaren, die sich bereits von Sekreten des Wirtstieres ernähren. Aus den Nymphen gehen die erwachsenen Milben hervor, wobei der Zyklus für männliche Milben durchschnittlich 14 Tage, für weibliche Milben 21 Tage dauert. Getrennt vom Wirt sind die Milben nur etwa 3 Wochen überlebensfähig.

Lokalisation und Erscheinung der Läsionen

Die Sarcoptesräude beginnt am Kopf mit einer sogenannten Brillenbildung um die Augen der Rinder, sie kann anfangs auch ausschließlich am Schwanzansatz, an den Hinterschenkeln und am Euterspiegel auftreten. Relativ häufig wird auch eine Generalisierung beobachtet.

Infizierte Tiere zeigen Haarausfall, starke Krusten-, Borken- und Faltenbildung, sowie hochgradigen Juckreiz. Auch hier spielt eine Hypersensibilitätsentwicklung eine gewisse Rolle bei Entstehung der Läsionen. Die Tiere sind unruhig und weisen Scheuerwunden auf, in die sich Bakterien einnisten und das Krankheitsbild verschlimmern können.

Wirtschaftliche Bedeutung

Besonders in Jungrinderbeständen kann die Sarcoptesräude seuchenhaft auftreten. Die wirtschaftlichen Verluste können entsprechend erheblich sein, mit verringerter Mastleistung, Rückgang der Milchmenge und Entwicklungsstörungen. Auch kann die Sarcoptesräude bei Kälbern und Jungrindern zum Tod führen. Diskutiert wird außerdem, ob die Sarcoptesmilben des Rindes als Zoonoseerreger einzustufen sind, hierzu gibt es jedoch unterschiedliche Meinungen. Bei anderen Spezies führt eine Infestation jedoch zu einem selbstlimitierenden Krankheitsverlauf.

Demodexräude

Erreger und Entwicklungszyklus

Eine Demodikose beim Rind wird ausgelöst durch Demodex bovis. Diese Milben stellen wirtsspezifische Bewohner auch der gesunden Haut dar. Sie sind zigarrenförmig mit kurzen Stummelbeinen, leben in den Haarbälgen und ernähren sich von Talg, Gewebsflüssigkeit und abgeschilferten Zellen. Der gesamte Entwicklungszyklus der Milben, von der Eiablage über ein Larven- und ein Nymphenstadium bis zur adulten Milbe findet im Haarbalg statt.

Für die Übertragung ist sehr intensiver Körperkontakt nötig, Kälber infizieren sich beim Saugakt an ihren Müttern. Eine Übertragung innerhalb der Haltungsgruppe von Tier zu Tier ist dagegen sehr unwahrscheinlich.

Läsionen

Klinisch relevante Hautveränderungen durch Demodexmilben sind selten. Eine manifeste Demodikose äußert sich meist nur in Form kleiner Knötchenbildung in den Haarbälgen im Bereich von Hals und Thorax. Betroffen davon sind Tiere, bei denen es zu einer enormen Vermehrung der Milben kommen konnte. Ursachen für einen solchen Populationszuwachs sind Immunsuppression durch andere Erkrankungen oder Stress. In den meisten Fällen ist die Therapie einer Demodikose nicht sinnvoll, häufig kommt es zur Selbstheilung. Für Nutztiere gibt es außerdem keine zugelassenen Medikamente. In seltenen Fällen entwickelt sich eine generalisierte Form, die dann eine sehr ungünstige Prognose hat.

Wirtschaftliche Bedeutung

Trotz eines symptomlosen oder milden klinischen Verlaufs ist die Demodikose wirtschaftlich nicht unbedeutsam. Die Problematik liegt in der hohen Befallsextensität (in Deutschland über 50%) und den nicht unerheblichen Verlusten durch Wertminderung der Haut für die Lederindustrie.

Diagnose eines Milbenbefalls

Zum Nachweis jeder Räude muss ein Hautgeschabsel genommen und mikroskopisch untersucht werden. Die Probe sollte vom Rand der Hautveränderungen an verschiedenen Stellen genommen werden, wobei geschabselt wird bis eine kapilläre Blutung eintritt, und das Geschabsel dann in 10%-ige KOH-Lösung verbracht. Die Lösung sollte kurz aufgekocht und zentrifugiert werden, bevor das Sediment mikroskopisch betrachtet werden kann.

Milbenprophylaxe

Als Prophylaxemaßnahme gegen Milbenbefall gilt eine bis zur Überprüfung der Ektoparasitenfreiheit gesonderte Aufstallung von zugekauften Tieren, da diese meist den Erreger in die Bestände einschleppen.

Von Vorteil ist außerdem eine bedarfsgerechte, eiweiß-, vitamin- und mineralstoffreiche Ernährung, sowie eine strenges Haltungs- und Hygienemanagement. Hierzu zählt unter anderem ein angemessenes Stallklima, sowie wenn möglich Weidegang oder zumindest Aufenthalte im Freien.

Als Prophylaxemaßnahme gegen Milbenbefall gilt eine bis zur Überprüfung der Ektoparasitenfreiheit gesonderte Aufstallung von zugekauften Tieren, da diese meist den Erreger in die Bestände einschleppen.

Von Vorteil ist außerdem eine bedarfsgerechte, eiweiß-, vitamin- und mineralstoffreiche Ernährung, sowie eine strenges Haltungs- und Hygienemanagement. Hierzu zählt unter anderem ein angemessenes Stallklima, sowie wenn möglich Weidegang oder zumindest Aufenthalte im Freien.

Therapie der Räude

Erregerspezifische Medikamente

Es ist immer sinnvoll die ganze Herde zu behandeln, da Milbeninfestationen (bis auf Demodex) sehr ansteckend sind und sich so sehr rasch innerhalb der ganzen Tiergruppe ausbreiten.

Eine medikamentöse Therapie kann mit spezifischen Arzneimitteln durchgeführt werden. Dazu zählen Präparate mit Wirkstoffen aus der Gruppe der synthetischen Pyrethroiden. Synthetische Pyrethroide zählen zu den Insektiziden, deren Toxizität vor allem auf einer Interaktion der Wirkstoffe mit den Natriumkanälen der Zellmembranen beruht, was zur Störung der neuralen Funktionen der Milben führt. Zur einfachen Behandlung der ganzen Herde bieten sich pour-on Formulierungen an, diese stehen beispielsweise mit dem Wirkstoff Flumethrin zur Verfügung.

Eine andere Möglichkeit besteht im Einsatz von Avermectine und der Milbemycine. Allerdings muss bei Verwendung an Milchkühen auf die Zulassung und auf vorgeschriebene Wartezeiten geachtet werden.

Unterstützende Maßnahmen

Da Räudemilben in Abhängigkeit von der Umgebungstemperatur und der Luftfeuchtigkeit auch außerhalb des Wirtes an Melkständen, Stalleinrichtungsgegenständen und Stallgeräten einige Wochen überleben können, sollten auch diese Gegenstände und Geräte desinfiziert werden. Wobei hier zu beachten ist, dass handelsübliche Desinfektionsmittel nicht gegen Ektoparasiten wirksam sind. Hier könnte die DVG-Liste zu Rate gezogen werden.

Eine „Dekontamination“ der Stallungen könnte auch erreicht werden, wenn die Ställe für einige Wochen nicht mit Rindern besetzt werden, da die Ektoparasiten ohne Wirt nicht lange überleben können.