Pasteurellose

Rinderauge

Bakterien der Familie Pasteurellaceae können eine sehr unterschiedliche medizinische Bedeutung haben. Es kommen sowohl harmlose Schleimhautbewohner, als auch primäre und sekundäre Tierseuchenerreger vor. Das Genus Pasteurella wurde benannt zu Ehren Louis Pasteur und umfasst kokkoide bis kurze Stäbchen. Durch ihre unterschiedliche Wirtsanpassung und ihre unterschiedliche Virulenz für bestimmte Tierarten können Infektionen mit Bakterien der Gattung Pasteurella in primäre und sekundäre Pasteurellosen eingeteilt werden.

Formen der Pasteurellose

Primäre Pasteurellose

Die primäre Pasteurellose des Rindes zählt zu den Tierseuchen im klassischen Sinn. Sie kommt in westlichen Ländern nur selten vor oder kann durch prophylaktische Maßnahmen effizient kontrolliert werden. In weniger entwickelten Ländern stellt diese Form der Pasteurellose jedoch nach wie vor ein ernst zu nehmendes Problem dar. Verantwortlich für die primäre Infektion der Atemwege beim Rind sind Pasteurella multocida und Mannheimia haemolytica (früher Pasteurella haemolytica). Die Infektion erfolgt aerogen oder durch direkten Kontakt der Tiere untereinander, wobei als Eintrittspforte für die Erreger der Nasen-Rachenraum angesehen wird.

Die Pasteurellose verläuft als schwere fieberhafte Allgemeinerkrankung mit hoher Mortalität. Es können drei Verlaufsformen unterschieden werden:

Septikämische Verlaufsform

Die septikämische Verlaufsform tritt ausschließlich in Jungtierbeständen auf und ist durch Hämorrhagien und fibrinöse Pleuropneumonien gekennzeichnet.

Ödematöse Verlaufsform

Bei der ödematösen Verlaufsform sind dagegen die septikämischen Symptome weniger deutlich ausgeprägt, dafür entstehen zahlreiche Ödeme des subkutanen und submukösen Bindegewebes. Zusätzlich treten Atem- und Schluckbeschwerden, Tränen- und Speichelfluss als Begleitsymptome auf.

Pektorale Verlaufsform

Von der pektoralen Verlaufsform sind junge und adulte Tiere gleichermaßen betroffen. Es kommt zu Fieberzuständen mit fibrinöser Infiltration der Lunge und zur Beteiligung der Pleura. Der Übergang in einen subakuten oder chronischen Krankheitsverlauf ist möglich.

Sekundäre Pasteurellose

Zu den sekundären Pasteurellosen des Rindes zählt die Enzootische Bronchopneumonie, die weltweit vorkommt und überwiegend bei Kälbern und Jungrindern auftritt. In der Regel führt eine initiale Virusinfektion zu einer leichten katarrhalischen Entzündung der Schleimhäute des Respirationstraktes, die dann durch das Hinzutreten von Pasteurella multocida und Mannheimia haemolytica in eine katarrhalisch-eitrige Bronchopneumonie übergeht. Unbelebte Faktoren, wie Mikro- und Makroklima, Luftfeuchtigkeit, Ammoniakgehalt der Luft und Stress begünstigen den Ausbruch der Erkrankung, sodass insgesamt von einer Faktorenkrankheit gesprochen werden muss. Das klinische Bild entspricht einer Bronchopneumonie. Es kommt zu Fieber, Dyspnoe und Nasenausfluß. Der enzootische Bronchopneumonie-Komplex verursacht durch seine hohe Morbidität erhebliche wirtschaftliche Verluste in Zuchtbeständen und Mastbetrieben, auch wenn die Mortalität generell unter 10 % liegt.

Zoonoserisiko

Eine Pasteurellainfektion des Menschen durch infizierte Tiere ist durch intensiven Kontakt möglich, wobei es zu lokal begrenzten Wundinfektionen ebenso wie zu einer hämatogenen Verbreitung in unterschiedliche Organsysteme kommen kann. Bei septikämischen Verlaufsformen sind sogar Meningitis, Hirnabszesse, Endokarditis, Pyelonephritis und Peritonitis mögliche Folgen. Bei Menschen mit Vorschädigungen des Atmungstraktes oder Immunsuppression werden auch schwere Pneumonien, Lungenabszesse, Bronchitiden usw. beobachtet.

Prophylaxe

Haltungsbedingungen

Nicht-immunprophylaktische Maßnahmen zielen darauf ab, Zustände zu vermeiden, welche die Abwehrkraft der Tiere mindern. Hierzu zählt insbesondere ein verantwortungsbewusstes Betriebsmanagement im Sinne einer Optimierung der Ernährungs-, Haltungs- und Hygienebedingungen. Abrupte Futterumstellungen sind zu vermeiden, ein angemessenes Stallklima ist herzustellen, die Tiere sollten genügend Platz haben, zugekaufte Tiere sollten zunächst separat aufgestallt werden, kranke Tiere sollten abgesondert werden und es sollten regelmäßige Stallreinigungen und Desinfektionen durchgeführt werden.

Impfmaßnahmen

Die immunprophylaktischen Maßnahmen basieren auf einer aktiven Immunisierung der Tiere. Ziel ist die Stimulation der erregerspezifischen Infektabwehr.

Bei Krankheitsprozessen mit multikausaler Genese, wie der Pasteurellose, ist die Anwendung einzelner Impfstoffe problematisch, da der jeweilige Impfstoff nur gegen die als Antigen im Impfstoff enthaltene Komponente wirksam ist. Sofern die Krankheitssymptome von anderen Erregern oder anderen Faktoren mitbestimmt werden, besteht nur ein eingeschränkter Schutz durch Impfung. Zusätzlich wirken Impfstoffe oft nur gegen bestimmte Stämme der jeweiligen Spezies und nicht gegen alle relevanten Serotypen, die möglicherweise am Krankheitsgeschehen beteiligt sind. Immunologische Prophylaxemaßnahmen bringen also nur in Verbindung mit nicht-immunologischen Maßnahmen den gewünschten Erfolg. Anzustreben ist also eine Kombination aus geeigneten Hygiene-, Tierhaltungs- und Fütterungsmaßnahmen mit optimalen Impfprogrammen.

Behandlungsempfehlung

Besteht die Pasteurellainfektion bereits, ist die Bekämpfung schwierig, da die beteiligten Pasteurella-Isolate bei sekundärer Pasteurellose nicht alleine für das Krankheitsgeschehen verantwortlich sind, sodass selbst bei einer effizienten Bekämpfung der Pasteurella-Stämme die Krankheitsursache bestenfalls partiell, aber nicht vollständig ausgeschaltet werden kann.

Eine Antibiotikatherapie ist möglich und bei primärer Pasteurellose gut wirksam. Aufgrund einer nachgewiesenen Resistenzentwicklung sollte jedoch vor Beginn der Therapie ein Resistenztest durchgeführt werden. Je nach Schweregrad der Erkrankung sind parenterale Injektionen bei Einzeltieren und orale Gruppen- oder Bestandsbehandlungen erforderlich.

Die Behandlung erkrankter Tiere darf sich jedoch nicht einseitig gegen die Erreger richten, sondern muss zugleich die Entzündungserscheinungen Atemnot, Husten und Fieber lindern. Zusätzlich zur Erregerbekämpfung ist daher auch immer der Einsatz von NSAID zu erwägen. Schließlich können Bronchospasmolytika und Expektoranzien eingesetzt werden.