Paratuberkulose = Johnsche Krankheit

Rinder auf der Weide

Erreger der Paratuberkulose ist Mycobakterium avium subspecies paratuberculosis, ein aerobes, säurefestes und schwach Gram-positives Stäbchen. Aufgrund seiner Zellwandstruktur ist das Mycobakterium avium ssp. paratuberculosis extrem widerstandsfähig gegenüber Umwelteinflüssen. Die Überlebensdauer im Boden beträgt ca. 11 Monate, in fließendem Gewässer ca. 165 Tage und in stehendem Gewässer ca. 270 Tage. Die Paratuberkulose wurde zum ersten Mal 1895 von Albert Johne beschrieben, weshalb die Krankheit auch als Johnsche Krankheit bezeichnet wird.

Ätiologie

Die Paratuberkulose ist weltweit verbreitet und am häufigsten in gemäßigten Klimazonen bei Wiederkäuern anzutreffen. Die Erregereinschleppung in einen Bestand geschieht i. d. R. durch Zukauf eines infizierten, aber klinisch unauffälligen Rindes, das als Erregerausscheider den Bestand infiziert. Die Infektion erfolgt überwiegend oral. Betroffen sind vor allem Kälber. Diese nehmen über die Milch oder über mit Kot verschmutztem Futter oder Wasser den Erreger auf. Auch eine fetale Infektion ist möglich. Der Zeitpunkt der Erregeraufnahme ist entscheidend für den weiteren Verlauf der Erkrankung. Eine Erregeraufnahme in den ersten Lebenswochen oder –monaten führt zu einer dauerhaften Infektion mit späterem Ausbruch der klinischen Symptome. Rinder ab einem Alter von 2 Jahren sind weitestgehend resistent.

Symptome und klinischer Verlauf

Infektionsphase

Klinisch auffällige Tiere zeigen chronischen, therapieresistenten Durchfall, Kehlgangsödem und eine hochgradige Abmagerung bei erhaltener Fresslust. Der Krankheitsverlauf kann in drei Phasen unterteilt werden:

Die erste Phase wird als stilles Infektionsstadium bezeichnet. Nach der oralen Aufnahme gelangt der Erreger in den Darm, wo er von Makrophagen aufgenommen wird. Mycobakterium avium ssp. paratuberculosis vermehrt sich primär intrazellulär und entzieht sich so dem direkten Zugriff des humoralen Immunsystems und der Nachweisbarkeit. Die infizierten Tiere zeigen in dieser Phase keine klinischen Symptome.

Subklinische Phase

Die zweite Phase ist das subklinische Stadium. Aufgrund der massiven intrazellulären Vermehrung kommt es zum Zelltod und damit zur Freisetzung der Erreger in das umliegende Gewebe und das Darmlumen. Die humorale Immunantwort setzt ein. Das infiziert Tier zeigt immer noch keine Symptome.

Endphase

Die dritte Phase ist das klinische Stadium und Endstadium. Infizierte Tiere erkranken i. d. R. im Alter von 3 – 6 Jahren. Auslösende Faktoren sind Stress und Abkalbung. Die klinischen Symptome können mehrere Monate andauern mit Intervallen der Besserung. Bei Milchkühen sinkt die Milchleistung um 10 – 20 %, die Tiere magern trotz guter Futteraufnahme stark ab und das Geburtsgewicht der Kälber ist vermindert. Die Tiere zeigen lang anhaltenden stinkend-schaumigen Durchfall und schließlich kommt die Milchleistung vollständig zum erliegen. Fieber tritt während der gesamten Krankheitsphase nicht auf. Im Endstadium nimmt die humorale Immunantwort wieder ab. Es kommt zur hochgradigen Erregerausscheidung.

Wirtschaftliche Bedeutung

Für Milch produzierende Betriebe entstehen durch den Rückgang der Milchleistung und Tierverluste große wirtschaftliche Schäden. Zwar erkranken in den Herden meist nur Einzeltiere, diese scheiden jedoch bis zur klinisch erkennbaren Krankheitsphase über eine längere Zeit große Erregermengen aus. Experten schätzen, dass in Deutschland 10 – 15 % der Milchviehherden betroffen sind.

Heilungsaussichten

Ein Teil der infizierten Tiere überwindet die Infektion, ein Teil bleibt latent infiziert und die übrigen Tiere erkranken. Bei latent infizierten Tieren und besonders bei erkrankten Tieren kommt es zur lymphogenen und hämatogenen Erregerverschleppung in die Mesenteriallymphknoten und in verschiedene Organe. Es kommt zur diaplazentaren Infektion von Feten und zur Übertragung der Erreger mit Milch, Samen und Urin.

Diagnostik

Direkter Erregernachweis

Die Diagnostik ist schwierig und erfolgt i. d. R. mikrobiologisch. Dabei wird zwischen direktem und indirektem Erregernachweis unterschieden.

Als Goldstandard für den direkten Nachweis zählt der kulturelle Erregernachweis, der jedoch durch das langsame Wachstum von Mycobakterium avium ssp. paratuberculosis eine Nachweisdauer von 8 – 12 Wochen hat. Außerdem werden infizierte Tiere während der subklinischen Phase nicht erfasst.

Eine weitere direkte Methode ist der Genomnachweis der Erreger mittels PCR (= Polymerase-Kettenreaktion). Die PCR hat den Vorteil, dass das Ergebnis innerhalb von 24 – 48 Stunden vorliegt, allerdings kann keine Aussage zur Vermehrungsfähigkeit des Erregers gemacht werden.

Indirekter Erregernachweis

Für den indirekten Erregernachweis wird die Immunantwort des Wirtes genutzt, in dem zelluläre oder humorale Antikörper gegen den Erreger nachgewiesen werden. In Analogie zum Tuberculintest wurde als in-vivo-Nachweis spezifischer zellulärer Immunantwort der sog. „Johnin-Test“ eingesetzt. Dieser hat jedoch eine geringe Spezifität und ist deshalb als alleinige Methode für Bekämpfungsprogramme kaum nutzbar. Als Nachweismethode der humoralen Antwort sind in Deutschland zurzeit vier kommerzielle ELISA zum Antikörpernachweis zugelassen. Allerdings weisen alle Tests eine eingeschränkte Sensitivität auf.

Rechtliche Grundlagen

Die Paratuberkulose ist nicht heilbar und in Deutschland meldepflichtig, wird aber nicht staatlich bekämpft. Es wurde vom Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft die sog. „Paratuberkuloseleitlinie“ formuliert. Die Leitlinie basiert auf drei Säulen:

  1. Hygienemaßnahmen in jedem Bestand zur Vermeidung der Weiterverbreitung von Paratuberkuloseerregern
  2. Bestandsüberwachung mittels klinischer, serologischer und bakteriologischer Untersuchung
  3. Vorbereitung einer flächendeckenden, bundesweiten Überwachung bzw. Erfassung der Verbreitung der Paratuberkulose Ziele der Leitlinie sind die Vereinheitlichung der Maßnahmen in Deutschland, die Reduktion der klinischen Symptome und somit der Schäden in den Betrieben, die Eindämmung der Weiterverbreitung der Erreger und die Senkung der Prävalenz der Paratuberkulose.

Therapiemöglichkeiten

Eine kurzfristige Symptommilderung durch Antibiotika und Antihistaminika wird diskutiert. Die Erregerausscheidung bleibt davon jedoch unberührt.

Prophylaxe

Impfungen sind möglich, derzeit ist jedoch in Deutschland kein Impfstoff zugelassen. Die Erregerausscheidung kann durch eine Impfung verringert und somit der Infektionsdruck gesenkt werden. Die Impfung bietet aber keinen Schutz vor Infektion und Erkrankung. Darüber hinaus kommt es nach der Impfung zu einem positiven Tuberculin-Intrakutantest durch Kreuzreaktion.

Prophylaktisch sollten folgende Hygienemaßnahmen eingehalten werden: Jede Geburt sollte überwacht werden, Kälber von infizierten Kühen sollten nach der Geburt sofort von der Mutter getrennt und isoliert werden und Kolostrum und Milch nur von unverdächtigen Kühen verabreicht werden. Jungtiere sollten nicht auf Weiden getrieben werden, auf denen im vorhergehenden Jahr Kühe oder andere Wiederkäuer waren, oder auf die Gülle aus infizierten Beständen ausgebracht worden ist.

Wissenswertes

Da Mycobakterium avium ssp. paratuberculosis äußerst hitzestabil ist, besteht laut Bundesanstalt für Milchforschung (BAfM) die Möglichkeit, dass durch das übliche Pasteurisieren der Trinkmilch nicht alle Erreger abgetötet werden. Diskutiert wird ein Zusammenhang zwischen der Paratuberkulose des Rindes mit der seltenen Stoffwechselerkrankung Morbus Crohn des Menschen. Die Erkenntnisse sind jedoch derzeit noch nicht gesichert.