Neugeborenen Diarrhoe

Kälber im Stall

Die Neugeborenendiarrhoe ist die häufigste Erkrankung von Kälbern und mit nahezu 50% die wichtigste Ursache für Tierverluste in den ersten Lebenswochen.

Ursachen

Grundsätzlich sind infektiöse und nicht-infektiöse Ursachen zu unterscheiden, wobei auf die infektiösen Ursachen das Hauptaugenmerk zu legen ist. Es ist davon auszugehen, dass die Mehrheit neonataler Durchfälle durch Viren, insbesondere Rota- und Coronaviren, aber auch durch Bakterien, vor allem E. coli und durch Kryptosporidien verursacht wird.

Zu den nicht-infektiösen Ursachen zählen ungenügende Graviditätsfürsorge beim Muttertier, unzureichende Geburtshygiene und Neugeborenenversorgung mit Kolostrum, unhygienische Haltung des neugeborenen Kalbes, fehlerhafte Kälberernährung und unzureichende Bestandsbetreuung.

Übertragung

Betroffen sind Kälber in den ersten zwei bis drei Lebenswochen. Die Mortalitätsrate in Deutschland liegt bei mehr als 10% und die wirtschaftlichen Verluste bei etwa 30%. Die Inkubationszeit beträgt 24 – 48 Stunden und ist bei Coronaviren etwas länger als bei Rotaviren. Die Übertragung von Rota- und Coronaviren erfolgt oronasal von Tier zu Tier, die Übertragung von E. coli Bakterien durch Schmierinfektion, also über Kot oder mit Kot verunreinigtem Futter oder Wasser und die Übertragung von Kryptosporidien erfolgt durch Oozyten, die von infizierten Tieren mit dem Kot ausgeschieden und von anderen Tieren oral aufgenommen werden.

Klinischer Verlauf

Rotaviren lösen akuten Durchfall mit wässrigem, hellgelbem Kot aus. Resultierend zeigen die Tiere eine zum Teil stark ausgeprägte Exsikkose, sowie eine deutliche Azidose und Hypoglykämie. Coronaviren lösen neben Durchfall auch Erkrankungen des Atmungstraktes aus. Rota- und Coronaviren führen zu einer massiven Schädigung der Darmschleimhaut und zur Atrophie der Dünndarmzotten. Zusätzlich kann es zum Wachstumsstillstand des Kalbes und damit zum Kümmern führen.

E. coli Bakterien führen zu vermehrten Wasserverlusten über den Darm und Kryptosporidien, die als einzellige Protozoen zu den Kokzidien zählen und weltweit vorkommen, lösen schwere Durchfälle und Fieber aus. Kryptosporidien können zusätzlich vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Sie sind sehr widerstandsfähig, können in feuchter Umgebung bis zu 6 Monate überleben und bleiben bei Zimmertemperatur bis zu 4 Monate infektiös. Rotaviren bleiben bei Zimmertemperatur bis zu 12 Monate infektiös.

Diagnose

Da es sich beim Neugeborenendurchfall der Kälber i. d. R. um eine Mischinfektion handelt, ist die Erregerdifferenzierung für den Therapieerfolg essentiell. Alle überwiegend beteiligten Erreger (Rotaviren, Coronaviren, E. coli und Kryptosporidien) können innerhalb der ersten drei bis fünf Krankheitstage im Kot nachgewiesen werden. Für die Behandlung eines erkrankten Einzeltieres ist der Versuch einer ätiologischen Abklärung nicht sinnvoll. Bei bestandsweise gehäuftem Auftreten sollten Kotproben genommen und untersucht werden um der Bestand gezielt sanieren zu können. Üblich ist eine Laboruntersuchung, für den schnellen Erregernachweis gibt es aber auch Schnellteststreifen, mit denen eine Erregeridentifizierung innerhalb weniger Minuten möglich ist.

Prophylaxe

Haltungsmanagement

Da sich die Kälber i. d. R. bereits während oder kurz nach der Geburt mit den Erregern infizieren, sollte als Prophylaxe ein strenges Hygienemanagement eingehalten werden. Dazu zählt unter anderem die Abkalbung in separaten, trockenen Abkalbeabteilen, die gründliche Desinfizierung der Kälberboxen vor Neubelegung und die gründliche Säuberung der Tränkeeimer und Gummisauger mit Wasser und Reinigungsmitteln nach jedem Tränken.

Kolostrum

Da die Kälber nach der Geburt keine spezifischen Antikörper im Blut aufweisen ist eine frühzeitige Aufnahme ausreichender Mengen antikörperreichen Kolostrums lebensnotwendig. Das Kolostrum von Färsen und neu zugekauften Kühen enthält jedoch weniger Abwehrstoffe als das von Altkühen aus eigenem Bestand, sodass es vorteilhaft ist, überschüssiges Kolostrum von Altkühen einzufrieren und bei Bedarf Färsenkälbern zu verabreichen.

Die erforderliche Kolostrummenge ist abhängig von der Körpermasse des Kalbes, vom Zeitpunkt der Verabreichung und von der Immunglobulinkonzentration im Kolostrum selbst. Die Absorptionsrate der Immunglobuline des Kolostrums nimmt relativ rasch ab, sie ist bereits 14 Stunden nach der Geburt um 30% vermindert.

Mutterschutzimpfung

Eine weitere Prophylaxemaßnahme ist die Muttertierimpfung. Geimpft werden kann gegen Rota- und Coronaviren und gegen E. coli. Das Prinzip beruht auf der Bildung von schützenden Antikörpern durch das geimpfte Muttertier, das anschließend die Antikörper über das Kolostrum bzw. die Milch an das Kalb abgibt. Dadurch ist das Kalb in der ersten Zeit nach der Geburt gegen die Durchfallerreger geschützt, bis es in der Lage ist, die eigene Körperabwehr aufzubauen. Zu beachten ist hierbei, dass die Kälber das mit Antikörpern versehene Kolostrum nicht nur direkt nach der Geburt, sondern möglichst noch die ersten 10 Tage nach der Geburt erhalten. So wird eine lokale Barriere im Kälberdarm geschaffen, sodass sich Viren im Darm schlechter anheften und vermehren können.

Therapie

Orale Rehydratation

Hat sich das Kalb nach der Geburt bereits infiziert und zeigt Krankheitssymptome, müssen in erster Linie die Folgen des Durchfalls, wie Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Puffersubstanzverlust ausgeglichen werden. Der Ersatz dieser Verluste, sowie die Deckung des Nährstoff- und Energiebedarfs des Kalbes muss das primäre Ziel der Therapie sein.

Solange die Tiere noch Trinken können geeignete Flüssigkeits-Elektrolyt-Tränken als Zwischentränken zu den Mahlzeiten verabreicht werden oder direkt in Milch oder Milchaustauscher eingemischt werden. Gute Rehydratationspräparate sollten zusätzlich Glucose als Energielieferant enthalten und Puffersubstanzen um der metabolischen Azidose entgegen zu wirken. Der Glucosegehalt darf jedoch nicht so hoch sein, dass es zur osmotischen Wirkung kommt. Zugesetzte Puffersubstanzen dürfen die Milchverdauung nicht beieinträchtigen, da in mehreren Studien gezeigt werden konnte, dass das Absetzen der Milchtränke bei Durchfallkälbern obsolet ist. Empfehlenswerte Puffersubstanzen sind Acetat und Propionat, da sie im Gegensatz zu Citrat und Bicarbonat die Labgerinnung nicht negativ beeinflussen.

Infusionstherapie

Trinken die Tiere nicht mehr selbständig und sind deutlich dehydriert, ist die Infusionstherapie als das Mittel der Wahl anzusehen. Bei schwerer Exsikkose sollten 10 Liter Infusionslösung innerhalb von 24 Stunden verabreicht werden, bei mäßiger Exsikkose 5 Liter innerhalb eines Tages. Fängt das Kalb nach der Infusion wieder an zu trinken, kann auf orale Rehydratation umgestellt werden. Wichtig ist, dass Hautturgor und Bulbuslage des Auges immer wieder kontrolliert werden, um den Grad der Exsikkose bzw. des Therapieerfolges abschätzen zu können.

Behandlungsziele sind Rehydratation, Korrektur des Elektrolythaushaltes, Korrektur des Säure-Base-Haushaltes, Korrektur des Energie- und Proteinhaushaltes, Normalisierung der Verdauung durch diätetische Maßnahmen und Ausheilung des geschädigten Darmepithels.

Zusatzmaßnahmen bei schweren Verlaufsformen

Bei Fieber, stark gestörtem Allgemeinbefinden oder Zusatzerkrankungen können Antibiotika und Entzündungshemmer gegeben werden. Gute Wirkung bei bakteriellen Sekundärinfektionen zeigen Antibiotika mit breitem Wirkungsspektrum, wie beispielsweise Fluorchinolone.

Zur Behandlung bei Nachweis von Kryptosporidien ist derzeit nur der Wirkstoff Holofuginon zugelassen.