BVD/MD - Infektion

Eine Infektion mit dem Bovinen-Virusdiarrhoe-Virus, in Form einer Bovinen Virusdiarrhoe (=BVD) oder einer Mucosal Disease (=MD) zählt als Krankheitskomplex zu einer der wichtigsten, weltweit verbreiteten und auch verlustreichsten Infektionskrankheiten des Rindes.

Erreger ist ein zur Gattung der Pestiviren zählendes RNS-haltiges Virus aus der Familie der Flaviviridae, in der cytopathogene von nicht-cytopathogenen Biotypen zu unterscheiden sind.

Epidemiologie

Von einer Infektion betroffen sind Rinder, Schafe und Wildwiederkäuer, wobei die Erreger zwischen Schafen und Rindern ausgetauscht werden können. Eine Übertragung auf den Menschen ist nicht möglich.

Die BVD weist eine mit 80 – 100 % enorm hohe Morbidität und mit 0 – 20 % geringe Letalität auf, während die MD eine mit unter 10 % sehr geringe Morbidität, aber eine 100%-ige Letalität aufweist.

Infektion

Horizontale Infektion

Die Virusübertragung kann horizontal, von Tier zu Tier, oder vertikal vom Muttertier auf das ungeborene Kalb erfolgen. Beim horizontalen Infektionsweg entwickelt das Tier nach der Infektion Krankheitssymptome, die perakut, akut oder chronisch verlaufen können. Bei der perakuten Verlaufsform kommt es zu Fieber, zunehmender Schwäche und schließlich zum Tod. Die akute Form verläuft meist subklinisch, also ohne äußerlich sichtbare Symptome und kann so zu einer Durchseuchung des Bestandes führen. Zum Teil sind aber auch wässriger Nasen- und Augenausfluss und vorübergehendes Fieber, sowie wässrig-blutiger Durchfall zu beobachten. In der Regel erholen sich die Tiere im Rahmen einer normalen Immunreaktion nach einigen Tagen wieder und behalten eine lebenslange Abwehr gegen eine erneute BVD-Infektion (=„hit-and-run-Strategie“). Eine chronische Verlaufsform kann sowohl bei Kälbern, als auch bei Jungrindern und erwachsenen Rindern auftreten. Die Tiere zeigen typischerweise einen mehrere Wochen anhaltenden Durchfall, magern stark ab und sterben zum Teil. Oftmals treten Sekundärinfektionen durch andere virale oder bakterielle Erreger auf, die dann zu einem respiratorisch-enteritischen Syndrom mit Husten, Nasenausfluss, Atemnot und Durchfall führen. Nach überstandener Infektion kommt es zur Ausbildung einer langanhaltenden Immunität, die nach der Neuinfektion zur Boosterung beiträgt.

Vertikale Infektion

Beim vertikalen Infektionsweg infiziert sich das Muttertier im 2. – 4. Trächtigkeitsmonat mit dem nicht-cytopathogenen BVD-Virus, das die Plazentaschranke überwinden kann und so zu einer intrauterinen Infektion des Fetus führt. Da sich der Fetus zu diesem Zeitpunkt in der Phase der Immuntoleranz befindet, erkennt sein Immunsystem das Virus nicht als fremdes Antigen und bildet folglich keine Antikörper. Das Tier bleibt lebenslang Virusträger (= persistent infiziertes Tier = PI-Tier) und scheidet das Virus permanent mit allen Sekreten und Exkreten aus, ohne selbst Krankheitssymptome zu zeigen (= „infect-and-persist-Strategie“). PI-Rinder können sich normal fortpflanzen, was dazu führt, dass weibliche „Virämiker“ stets wieder persistent virämische Kälber zur Welt bringen. Manchmal bleiben PI-Rinder auch mehr oder weniger deutlich im Wachstum zurück, wobei der Grund hierfür nicht eindeutig geklärt ist. Erfolgt die Muttertierinfektion bereits im 1. Monat der Trächtigkeit kommt es zum Fruchttod und Umrindern. Eine Infektion ab dem 4. Trächtigkeitsmonat führt zu Aborten und Missbildungen, so werden nach Infektion im 5.-6. Trächtigkeitsmonat vermehrt Kälber mit zentralnervösen Störungen, dem sogenannten okulozerebellären Syndrom geboren. Allerdings ist es auch möglich, dass gesunde Kälber auf die Welt kommen.

Entstehung und Verlauf von MD

Das Auftreten von PI-Kälbern ist bisher nur durch eine Infektion mit nicht-cytopathogenen BVD-Viren nachgewiesen, nicht aber durch eine Infektion mit cytopathogenen Viren. Angenommen wird, dass die Infektion des Embryos oder Fetus mit cytopathogenen BVD-Viren zum Tod führt.

Infiziert sich ein PI-Tier zusätzlich mit einem cytopathogenen BVD-Virus oder mutiert das nicht-cytopathogene Virus im Tier zur cytopathogenen Form , kommt es zur Entwicklung der immer tödlich verlaufenden MD, da das Immunsystem das Virus nicht als fremd erkennt und eine Immunreaktion somit ausbleibt. Die Tiere zeigen eine zunehmende Störung des Allgemeinbefindens, Anorexie, Speicheln, Fieber und profusen Durchfall mit Tenesmus. Am Flotzmaul, den Naseneingängen und vor allem an der Maulschleimhaut, geringer auch im Zwischenklauenspalt bilden sich zum Teil ausgeprägte Erosionen. Klinische Erscheinungen können als Frühform nach kurzer Inkubationszeit oder als Spätform erst nach Monaten auftreten.

Es sind auch seltene Fälle von spontanem Auftreten von MD beschrieben, diese betreffen dann vor allem Kälber im Alter zwischen 6 und 24 Monaten.

Klinischer Erscheinungen im Bestand

Beim Auftreten des Virus in einem freien Bestand treten zunächst klinisch manifeste Formen der BVD auf, diese äußern sich unter anderem durch Todesfälle in Tiergruppen aller Altersstufen. In der Folge treten Umrindern, Aborte und Fruchtbarkeitsstörungen auf. Später können Kälber, die das okulozerebelläre Syndrom zeigen, oder PI-Kälber auf die Welt kommen. Die PI-Kälber können sich als Kümmerer, jedoch auch völlig unauffällig präsentieren. Mit Auftreten von PI-Kälbern können dann auch die klinischen Erscheinungen von MD im Bestand auftreten.

Diagnose

Direkter und indirekter Virusnachweis

Grundsätzlich ist zwischen Herden- und Einzeltierdiagnostik zu unterscheiden. Die Herdendiagnostik begnügt sich mit einem indirekten Erregernachweis um eine BVD-Infektion im Bestand festzustellen oder auszuschließen. Dem gegenüber steht die Einzeltierdiagnostik.

Da PI-Tiere die Infektionsquelle darstellen und zur Bestandsdurchseuchung führen, ist es diagnostisch von größter Relevanz diese Tiere im Rahmen einer Einzeltierdiagnostik zu identifizieren. Bei Tieren mit ausgeprägten Erosionen ist die Diagnose klinisch hinreichend sicher zu stellen. Als Substrate zum Nachweis von Virus, Antigen oder spezifischen RNS-Sequenzen eignen sich gerinnungsgehemmtes Blut, Hautbioptate, die mit einer weitlumigen Kanüle vom Rand einer Erosion zu entnehmen sind, Nasentupfer und Kot. Ein direkter Erregernachweis ist schließlich durch Virusisolierung, Antigen-Capture-ELISA, Durchflusszytometrie (FACS), PCR und Immunhistochemie möglich.

Auch ein Antikörpernachweis mittels Virusneutralisationstest und ELISA kann durchgeführt werden, da es durch die Infektion mit dem BVD-Virus zur Bildung von Antikörpern kommt, die im Serum, sowie in der Einzel- und Tankmilch nachgewiesen werden können.

Identifikation von PI-Tieren

Ein Tier gilt als persistent infiziert, wenn ein Virusnachweis bei zwei Untersuchungen, im Abstand von drei Wochen, positiv ausfällt.

Problematisch bei der Erkennung eines PI-Tieres ist allerdings, dass BVD-Viren im Blut durch maternale Antikörper maskiert werden können, wodurch eine frühzeitige Erkennung nicht mehr möglich ist. Diese sogenannte "diagnostische Lücke" spielt bei der Untersuchung von Gewebeproben jedoch keine Rolle. Daher ist die Erkennung und Ausmerzung der PI-Tiere bereits in der ersten Lebenswoche möglich. Problematisch ist aber der zeitlich verzögerte Anstieg von Antikörpern nach einer BVD Infektion. BVD-Antikörper sind erst ca. ab dem 7. Tag post infectionem nachweisbar. Außerdem ist zu beachten, dass diese zeitliche Verzögerung bei der Untersuchung der Tankmilch noch größer ist.

Aus diesem Grund wird eine Bestandsprüfung an Jungrindern im Alter von über 6 Monaten, also nach Verschwinden der kolostralen Antikörper durchgeführt und zwar mittels indirektem Erregernachweis durch Virusneutralisationstest oder ELISA.

Bestandsdiagnose mittels Jungtierfenster

Um gleichzeitig einen Überblick über das Verteilungsmuster und den Infektionszeitpunkt zu erhalten wird ein sogenanntes Jungtierfenster festgelegt, das eine Gruppe von 5 - 10 Jungtieren im Alter ab 6 Monaten beinhaltet, die untersucht werden. Sind alle Tiere seronegativ, kann gefolgert werden, dass das Virus längere Zeit im Bestand nicht mehr aktiv war. Sind alle Tiere seropositiv, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit mindestens ein PI-Tier im Bestand oder war es bis vor kurzem. Sind in dieser Gruppe einige positive und einige negative getestet worden, spielt die Altersverteilung bezogen auf die Testergebnisse eine Rolle. Sind nur ältere Tiere seropositiv, liegt die Vermutung nahe, dass es früher einen „Virämiker“ im Bestand gegeben hat. Auch ist die Aufstallung der Jungtiere in Bezug auf den möglichen Kontakt untereinander mit in die Interpretation der Testergebnisse einzubeziehen. Muss nach Untersuchung des Jungtierfensters mit einer BVD-Virus-Infektion im Bestand gerechnet werden, sollte sich sinnvollerweise die Suche nach PI-Tieren anschließen um diese aus dem Bestand nehmen zu können.

Einstufung eines ungeborenen Kalbes

Problematisch ist die Beurteilung eines noch nicht geborenen Kalbes, auch im Hinblick auf den Zukauf von Färsen. Ist das Muttertier nach dem 7. Trächtigkeitsmonat nach direktem und indirektem Erregernachweis serologisch und virologisch negativ, also als nicht infiziert einzuschätzen, gilt das auch für die Frucht. Ist das ungeimpfte Muttertier zu diesem Zeitpunkt serologisch stark positiv, besteht der dringende Verdacht, dass sie ein PI-Kalb trägt. Solche Kühe werden als „Trojanische Kuh“ bezeichnet.

Rechtlicher Hintergrund

Die BVD/MD ist eine anzeigepflichtige Infektionskrankheit.

Rechtlich werden in naher Zukunft einige Änderungen bei der Bekämpfung der BVD/MD in Kraft treten: Die neue BVD-Verordnung des Bundes sieht eine verpflichtende Sanierung bzw. Statuserhebung in allen Rinderbeständen ab dem 01.01.2011 vor.

Zur Statuserhebung ist die serologische Untersuchung der Betriebe und die Merzung Virus-positiver Tiere nötig. Besonders ist, dass ein negatives Untersuchungsergebnis eines Rindes lebenslang Bestand hat.

Ab 01.01.11 haben Betriebe, die einen unbekannten Status haben, mit Handelshemmnissen zu rechnen. Ab diesem Zeitpunkt muss für jedes Tier vor Verbringen ein negatives Testergebnis vorliegen.

Betriebe, die den Status „unverdächtig“ haben, können mit Kälbern bis zu einem Alter von 6 Monaten auch ohne weitere Untersuchung handeln. Zuchtkälber können zukünftig durch den Tierhalter mittels spezieller Gewebeohrmarke selbst beprobt werden. Die beim Einziehen der Gewebeohrmarke anfallende Haut wir in den Untersuchungseinrichtungen auf BVD untersucht.

Die Statuserhebung wird schon jetzt eingeleitet, da es etwa ein Jahr in Anspruch nimmt bis ein Betrieb als unverdächtig eingestuft werden kann, in dieser Zeit müssen die vorhandenen Rinder und deren Nachkommen negativ auf BVD/MD getestet werden.

Prophylaxe

Zur Prophylaxe stehen Lebend- und Totvakzine zur Verfügung, deren Zweckmäßigkeit jedoch umstritten ist. Zum einen kann die Impfung von trächtigen Kühen mit manchen Lebendvakzinen im kritischen Zeitraum Aborte auslösen oder PI-Kälber induzieren, zum anderen können mit Lebendvakzine geimpfte Tiere das Impfvirus vorübergehend ausscheiden und so auf nicht geimpfte Tiere übertragen.

Antikörper, die durch eine Impfung mit monovalenten Vakzinen gebildet wurden, schützen zudem nicht zuverlässig vor einer Virämie, wenn das Tier mit einem Feldvirusstamm in Kontakt kommt. Auch eine Impfung mit inaktivierten Vakzinen schützt wahrscheinlich nicht sehr lange vor einer Infektion. Eine Impfung von PI-Tieren kann zwar zur Bildung von Antikörpern führen, ändert aber nichts an der persistenten Infektion, schützt nicht vor MD und kann eine spätere Identifizierung der Tiere erschweren. Zum Teil konnte sogar das Auslösen von MD bei PI-Tieren durch eine Impfung nachgewiesen werden.

Möglich ist eine prophylaktische Impfung in BVD/MD-freien Beständen, wobei ein zweistufiges Impfprogramm durchgeführt werden sollte. Dabei werden alle Rinder mit einer inaktivierten Vakzine geimpft und nach 4 – 6 Wochen alle nicht-trächtigen Rinder noch einmal mit einer Lebendvakzine und die trächtigen nach dem Abkalben ebenfalls mit einer Lebendvakzine. Danach erfolgt eine jährliche Nachimpfung mit inaktivierten Vakzinen. So kann das Risiko einer Erregereinschleppung minimiert werden.