Bakterielle Infektionen

Bakterielle Hautinfektionen sind in der Kleintierpraxis weit verbreitet und machen ca. 25% der dermatologisch auffälligen Hunde und Katzen aus. Eine große statistische Studie in Nordamerika zeigte, dass die bakterielle Pyodermie die zweithäufigste Hauterkrankung vor der Allergischen Flohdermatitis (FAD) ist.

Subcutis

Je nach den betroffenen Hautschichten wird die bakterielle Hautinfektion eingeteilt in:

  • Oberflächen-Pyodermie
  • Oberflächliche Pyodermie
  • Tiefe Pyodermie

Besonderheiten beim Hund

Hunde sind aufgrund ihrer empfindlichen Haut und der kompakten Hautstruktur besonders prädisponiert gegenüber Hauterkrankungen: Die Pyodermie ist deutlich häufiger beim Hund als bei der Katze zu finden.
Es wird vermutet, dass diese Prädisposition beim Hund zurückzuführen ist auf

  • das vergleichsweise dünne und kompakte Stratum corneum
  • dessen Mangel an intrazellulären Lipiden
  • den relativ hohen pH-Wert der Haut
  • das Fehlen des Schutzfilmes aus Lipiden und squamösem Epithel in den Haarbalgmündungen.

Prädisponierende Faktoren

Bakterielle Hautinfektionen treten häufig als Sekundärerkrankungen im Gefolge primärer Hautveränderungen oder geänderter Milieubedingungen auf. Die prädisponierenden Faktoren sind vielfältig:

  • Externe Faktoren: hohe Luftfeuchtigkeit und Temperatur (vermehrtes saisonales Auftreten von Hot Spots im Sommer), Biss- und Kratzverletzungen durch Traumata.
  • Interne Faktoren: Grunderkrankungen, die immunsupprimierend wirken oder hormonbedingt zu metabolischen Hautveränderungen führen (z.B. Hypothyreodismus, Hyperadrenokortizismus).
  • Rasse- und individualspezifische Faktoren: dichte Unterwolle und damit schlechte Belüftung der Haut, Hautfaltenbildung, Keratinisierungsstörungen.
  • Primärinfektionen: parasitäre oder mykotische Hautinfektionen.

Bakterielle Invasionsstrategien

Es wird angenommen, dass fakultativ pathogene Erreger aus der Umwelt oder den Schleimhäuten die Haut besiedeln. Es handelt sich dabei um koagulasenegative und -positive Staphylokokken, sowie E. coli-, Proteus- und Pseudomonas-Spezies.

Bei Katzen sind infizierte Bisswunden und Abszesse weitaus häufiger anzutreffen als die Pyodermie. Hier stehen vor allem pathogene Keime aus dem Oropharynx, so z.B. Pasteurella multocida im Vordergrund.

Staphylokokkus

Bordetella

Pathogene Erreger Haut (Hund und Katze)

  • Die Produktion spezifischer Proteine, Toxine und Enzyme (Hyaluronidase) ermöglicht es Bakterien - vor allem Staphylococcus intermedius - dem Abwehrsystem des Wirtes zu entgehen, die Epidermis zu schädigen und in die Haut einzudringen. Das Gewebemilieu wird von S. intermedius so beeinflusst, dass das Eindringen von sekundären Erregern, wie E.coli, Pseudomonas oder Proteus erleichtert wird.
  • Fakultativ intrazelluläre Erreger (Bordetellen, Mykoplasmen, Staphylokokken) sind in der Lage, innerhalb von Zellen und Phagozyten, dem Abwehrsystem des Wirtes und der Reichweite vieler Antibiotika zu entgehen.
  • Im Atmungsapparat heften sich diese Erreger z.B. direkt an das Flimmerepithel und induzieren so eine Ziliostase, wodurch einer der wichtigsten lokalen Abwehrmechanismen geschädigt wird.
  • Pseudomonaden hingegen schädigen das Wirtsgewebe direkt und können z.B. im Atmungsapparat die Schleimviskosität erhöhen. Dies führt zu einer geringeren Elastizität und Transportfähigkeit des Schleims.

Infektion und Entzündung – Der circulus vitiosus

Im Allgemeinen werden bakterielle Hautinfektionen von einem Entzündungsgeschehen begleitet, das den Gewebeschaden noch verstärkt. Bakterientoxine, proteolytische Enzyme und zelluläre Abbauprodukte induzieren die Freisetzung von Entzündungsmediatoren. Die Entzündung und der Gewebeschaden ermöglichen eine weitere Ausbreitung der Infektion. Da all diese Erscheinungen von hochgradigem Juckreiz begleitet werden, wird durch Automutilation (Beknabbern, Benagen) das anfängliche Krankheitsbild verschlimmert und der Teufelskreis ist vollkommen.

Oberflächen-Pyodermie

Bei der Oberflächen-Pyodermie beschränkt sich die bakterielle Entzündung auf die äußersten Lagen der Epidermis, das Stratum corneum.

Oberflächen-Pyodermie (Schematische Darstellung)

Klinisch tritt sie in Erscheinung als

  • akute nässende Dermatitis oder „Hot Spot“
  • Intertrigo.

Hot Spot

Hot Spot ist eine hochakute, meist mit starkem Juckreiz und Schmerz einhergehende Hauterkrankung. Ätiologische Ursachen sind Selbsttraumatisierung infolge lokalen Juckreizes oder Schmerzes (Flohbissallergie, Applikation reizender Substanzen, Pflanzenteile, Otitis externa, Analbeutelentzündung, Gelenkschmerzen, Zahnprobleme).
Wärme, Feuchtigkeit und ein dichtes, schlecht belüftetes Fell bieten den eingedrungenen Bakterien die idealen Vermehrungsbedingungen. Hot Spots treten daher insbesondere in den Sommermonaten und bei Hunden mit eher langem, dichtem Haarkleid auf.

Intertrigo

Intertrigo kommt überall dort vor, wo die Haut in Falten liegt, d.h. als Gesichtsfaltendermatitis (rassespezifisch z.B. bei Mops, Bulldogge), Lippenfaltendermatitis, Körperfaltendermatitis (Shar Pei), Scheidenfalten- und Schwanzfaltendermatitis. Die Hautfalten bieten Staphylokokken ideale Wachstumsbedingungen: Feuchtigkeitsansammlungen (Tränen, Speichel, Urin), schlechte Belüftung, Wärme, Mikroverletzungen durch aneinander reibende Hautflächen. Unangenehmer Hautgeruch durch die Mazeration der Hautoberfläche und dabei entstehende Entzündungssekrete sind typisch.

Oberflächliche Pyodermie

Bei der oberflächlichen Pyodermie umfasst die bakterielle Infektion alle Schichten der Epidermis mit oder ohne Einbezug der Haarfollikel.

Klinisch werden unterschieden:

  • Impetigo
  • Mukokutane Pyodermie
  • Oberflächliche bakterielle Follikulitis
  • Eine Sonderform ist die Hundeakne: Es ist keine Akne im eigentlichen Sinn, sondern eine Furunkulose. Keratinisierungsstörungen im Bereich des Kinns begünstigen Ansiedlung und Vermehrung von Bakterien (Anmerkung: die Hundeakne ist bei manchen Autoren unter „Tiefer Pyodermie“ beschrieben.)

Impetigo (Schematische Darstellung)

Follikulitis (Schematische Darstellung)

Impetigo

Impetigo tritt häufig bei Hundewelpen vor der Pubertät als „Welpenpyodermie“ auf.
Subcorneale Pusteln finden sich bevorzugt in (fast) haarlosen Hautbereichen der ventralen Brust- und Bauchregion sowie Achsel- und Leistengegend. Die Erkrankung ist nicht ansteckend, geht meist ohne Juckreiz und Schmerzen einher und heilt bei Ausschaltung zusätzlicher Stressfaktoren generell spontan ab.
Katzenwelpen erkranken seltener. Bei ihnen betrifft die Infektion eher den Rücken-, Hals- und Kopfbereich.
Tritt Impetigo bei erwachsenen Hunden auf, so handelt es sich allgemein um eine Sekundärerkrankung infolge immunsupprimierender Grunderkrankungen. Das klinische Bild umfasst Pusteln, Papeln, Krusten und epidermale Schuppenkränze.

Impetigo: Beispiel im Inguinalbereich

Impetigo: Beispiel Bauchwand

Mukokutane Pyodermie

Die mukokutanen Pyodermie ist eine fast ausschließlich beim Deutschen Schäferhund und seinen Kreuzungen auftretende krustige, ödematöse und erythematöse symmetrische Infektion im Bereich der beiden Mundwinkeln.
Seltener sind Infektionen an Haut-Schleimhautübergängen von Scheide, Anus und Präputium.

Oberflächliche bakterielle Follikulitis

Bei der oberflächlichen bakteriellen Follikulitis sind die Haarbälge infiziert.
Typisches Erscheinungsbild sind multifokale seborrhoeische Plaques (= umschriebene Hautareale mit krustigem, gerötetem Rand, deren Zentrum hyperpigmentiert sein kann) im Bereich wenig behaarter Hautstellen.
Es handelt sich vorwiegend um eine Sekundärinfektion. Als ätiologische Ursachen kommen vor: Seborrhoe, Demodikose, Dermatomykose, Allergien.

Oberflächliche bakterielle Follikulitis

Tiefe Pyodermie

Die bakterielle Besiedlung betrifft alle Hautschichten, einschließlich der Dermis, in schweren klinischen Formen auch die Subcutis (Zellulitis). Hier kann die tiefe Pyodermie zur Zerstörung von Follikeln führen.

Die tiefe Pyodermie stellt eine schwere allgemeine Erkrankung dar.
Allgemeinsymptome wie reduziertes Allgemeinbefinden, Inappetenz, Apathie, Fieber und Lymphadenopathie können auftreten.
Durch den meist massiven sekundären bakteriellen Befall entsteht typischerweise ein schwitzig-eitriger Belag der Hautstellen mit unangenehmen Geruch. Die Abheilung erfolgt unter Narbenbildung.

Tiefe Pyodermie (Schematische Darstellung)

Ätiologische Ursachen

Ätiologische Ursachen, die zur Entstehung einer tiefen Pyodermie führen können, sind:

  • Verschlimmerung einer oberflächlichen Pyodermie (Akne: anfangs Follikulitis, später Furunkulose)
  • Inokulation von Bakterien durch Traumata (bei Katzen häufig subkutane Abszesse nach Kampfverletzungen)
  • Beim Hund im Verlauf einer generalisierten Demodikose
  • Dermatophytosen
  • Endokrinopathien
  • Neoplasien
  • Immunerkrankungen

Beispiele für tiefe Pyodermien

  • Schäferhund-Pyodermie (Follikulitis, Furunkulose, Zellulitis)
  • Interdigitale Furunkulose, Pododermatitis
  • Infizierte Liegeschwielen bei schweren Hunden
  • Follikulitiden und Furunkulosen als hochakute, schmerzhafte und meist stark sezernierende Hauterkrankung im Wangen- und Halsbereich von Bernhardinern, Rottweilern und Golden Retrievern (ähnliches klinisches Erscheinungsbild wie Hot Spots!). Starker Juckreiz begleitet das Krankheitsgeschehen.
  • Follikulitiden und Furunkulosen im Bereich des Nasenrückens („nasale Follikulitis“)
  • Perianalfisteln

Mukokutane Pyodermie DSH

Chronische Furunkulose und Follikulitis

Chronische Furunkulose und Follikulitis

Therapie

Bei vielen bakteriellen Hauterkrankungen handelt es sich um äußerst schmerzhafte Prozesse, die eine anfängliche, oft unter Allgemeinanaesthesie durchgeführte Wundtoilette erforderlich machen.
Dabei verfolgt eine zufriedenstellende Therapie zwei Ziele:

  • das Abklingen der Symptome und 
  • das Verringern der Rezidivgefahr.

Bei der Wahl des Antibiotikums müssen Tiefe der Infektion und das mögliche Erregerspektrum beachtet werden. Bakteriologische Untersuchung und Antibiogramm sollten insbesondere bei tiefergehenden oder rezidivierenden Pyodermien selbstverständlich sein.

  • Oberflächliche Pyodermien im Anfangsstadium können in vielen Fällen durch eine rein topische antibakterielle Versorgung zur Abheilung gebracht werden.
  • Oberflächliche und Tiefe Pyodermien erfordern zusätzlich eine systemische Antibiose.

Die Therapiedauer einer Antibiose sollte bei oberflächlichen Pyodermien 2-4 Wochen und bei tiefen Pyodermien 6-8 Wochen betragen und allgemein 1-3 Wochen über den Zeitpunkt der Remission durchgeführt werden.

Da es sich bei den meisten bakteriellen Hauterkrankungen um Sekundärinfektionen handelt, müssen mögliche ursächliche Erkrankungen/Faktoren (z.B. Ektoparasiten) abgeklärt und behandelt werden, um einen dauerhaften Therapierfolg zu erzielen.

Kriterien zur Auswahl eines Antibiotikums

  • Breites Erregerspektrum (S. intermedius)
  • Gute Penetration und Anreicherung in der Haut
  • Möglichst extra- und intrazelluläre Wirksamkeit
  • Bakterizide Wirkung
  • Hohe Lipophilie, um Zelltrümmer, Eiter und entzündliche Sekrete zu durchdringen
  • Gute Verträglichkeit
  • Bequeme und einfache Anwendung zur Förderung der Therapietreue durch den Besitzer

Therapiebegleitende Massnahmen sind

  • Schmerzbehandlung
  • Topische Anwendung antimikrobiell wirkender Shampoos, Cremes oder Salben
  • Rasur der betroffenen Stellen
  • Halskragen zum Schutz vor Automutilation
  • Wundtoilette (Säuberung und Abtragung der betroffenen Hautstellen ) unter Sedation / Narkose.