Fallbeispiel Anaplasmose

Fallbericht zum Thema zeckenübertragene Erkrankungen des Hundes: Anaplasmose bei einem Labradorrüden

Abb. 1: Zeus, sechs Jahre alter männlicher Labrador
aus Berlin

Anamnese

Zeus ist ein sechs Jahre alter Labrador-Rüde aus Berlin. Am 10.5.2011 stellten seine Besitzer fest, dass er nicht fraß und apathisch wirkte. Daraufhin brachten sie ihn zum Haustierarzt. Zeus wurde ein Antibiotikum verordnet. Da sich keine Besserung einstellte, wurde der Rüde am 12.5.2011 in die Klinik und Poliklinik für kleine Haustiere der Freien Universität Berlin überwiesen.

Klinische Untersuchung

Zeus war bei der Allgemeinuntersuchung ungewohnt ruhig. Die Rektaltemperatur war mit 39,8°C erhöht (Normaltemperatur 38-39°C). Atem-und Pulsfrequenz lagen innerhalb des Normalbereiches, die Schleimhäute waren blassrosa. Die tastbaren Lymphknoten waren unauffällig, Zeus´ Abdomen war weich und nicht schmerzhaft.

Labordiagnostik

Im Blutbild fiel eine sehr niedrige Anzahl der Blutplättchen auf. Diese sind wichtig für die Blutgerinnung. Der Anteil an roten Blutkörperchen lag an der unteren Grenze des Referenzbereiches. Auch die weißen Blutkörperchen waren erniedrigt.

Die Blutchemie lieferte folgende Ergebnisse: Alle gemessenen Leberenzyme waren erhöht. Die Nieren-und Eiweißwerte lagen im Referenzbereich.

Abb.2: Einschlüsse (sog. Morulae) in bestimmten weißen
Blutkörperchen des Hundes, den neutrophilen Granulozyten,
bei der Anaplasmos (Mikroskopische Aufnahme von
ausgestrichene

Im Blutausstrich waren sogenannte Morulae (Abb. 2) in weißen Blutkörperchen zu erkennen. Dies sind Ansammlungen von Anaplasma phagocytophilum, dem Erreger der caninen granulozytären Anaplasmose, der sich in Zellen vermehrt.

Die molekularbiologische Untersuchung auf Anaplasma phagocytophilum mittels einer sogenannten Polymerasekettenreaktion (PCR) war positiv. Zur Abgrenzung vom ähnlichen Krankheitsbild einer Babesiose wurde die Blutprobe auch auf Babesia canis untersucht, das Ergebnis war negativ. Babesia canis wird durch die Buntzecke (alter Name: Auwaldzecke) übertragen, die in Berlin und Umgebung in großer Zahl vorkommt.

Bildgebende Diagnostik

Röntgenbilder von Thorax und Abdomen wurden angefertigt. Es ließ sich eine geringgradig vergrößerte Milz darstellen.

Diagnose

Zeus litt an caniner granulozytärer Anaplasmose, einer zeckenübertragenen Erkrankung. Dafür sprachen das Fieber, die Apathie und die erniedrigten Anzahlen von Blutplättchen und weißen Blutkörperchen. Auch erhöhte Leberwerte sowie eine vergrößerte Milz treten häufig im Rahmen einer Anaplasmose auf. Der positive direkte Erregernachweis mittels Blutausstrich und PCR sicherten die Diagnose ab.

Therapie

Über die nächsten 3 Wochen wurde Zeus mit Doxycyclin behandelt, einem Antibiotikum mit Wirksamkeit gegen die Erreger der Anaplasmose. Das zuvor gegebene Antibiotikum wurde abgesetzt. Die Besitzer wurden gebeten, sich beim Auftreten von Blutungen, die bei stark erniedrigter Blutplättchenzahl komplizierend auftreten können, umgehend in der Klinik einzufinden.

Krankheitsverlauf

Bei der Kontrolluntersuchung am 16.5.2011 war Zeus bei gutem Allgemeinbefinden. Bereits vier Tage nach Therapiebeginn hatte Zeus kein Fieber mehr, frass und war munter.

Die Blutplättchen waren zu diesem Zeitpunkt schon leicht angestiegen, der Anteil an roten Blutkörperchen im Blut und die Werte für weiße Blutkörperchen lagen im Normalbereich.

Bei der Blutuntersuchung am 19.5.2011 waren die Blutplättchenwerte wieder im Normalbereich. Lediglich die Leberwerte waren noch geringgradig erhöht.

Am 3.6. wurde das Antibiotikum abgesetzt, Zeus geht es wieder gut.

Abb. 3: Der Überträger der
Anaplasmose: Der gemeine Holzbock
(Ixodes ricinus), ausgewachsenes,
weibliches Exemplar (Aufnahme Institut

Fazit

Der Fall zeigt, dass Anaplasmose bei Hunden in Deutschland vorkommt. Dies belegt auch eine wissenschaftliche Untersuchung von Blutproben 522 Berliner Hunde. In 43% der Proben wurde ein Antikörpertiter gegen Anaplasma phagocytophilum nachgewiesen, was auf eine zurückliegende Infektion mit diesem Erreger hinweist.

Übertragen wird der Erreger durch die Zecke Ixodes ricinus (Abb. 3), auch bekannt als der „Gemeine Holzbock“. Nach einer Untersuchung aus dem Jahre 2006 sind 3,9% dieser Zecken in Berlin infiziert mit Anaplasma phagocytophilum. Sie können Hunde bereits innerhalb von 24 Stunden Blutmahlzeit mit dem Erreger infizieren.

Sowohl der Gemeine Holzbock als auch die Buntzecke sind Vektoren für verschiedene Krankheitserreger, die beim Stich auf Hunde übertragen werden können und zu gefährlichen Erkrankungen führen. Zeckenprophylaxe ist zum Schutz gegen die Anaplasmose und andere durch Zecken übertragene Krankheiten unabdingbar. Besonders geeignet sind hierfür Mittel, die die Zecke zugleich abwehren und abtöten.

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Literatur

des Vignes, F., Piesman, J., Heffernan, R., Schulze, T., Stafford, K., 3rd and Fish, D. (2001). "Effect of tick removal on transmission of Borrelia burgdorferi and Ehrlichia phagocytophila by Ixodes scapularis nymphs." The Journal of Infectious Diseases, 183 (5): 773-778.

Heile, C., Heydorn, A. O. and Schein, E. (2006). "Dermacentor reticulatus (Fabricius, 1794) Verbreitung, Biologie und Vektor für Babesia canis in Deutschland" Berliner und Münchener Tierärztliche Wochenschrift, 119 (7-8): 330-334.

Kohn, B., Galke, D., Beelitz, P. and Pfister, K. (2008). "Clinical features of canine granulocytic anaplasmosis in 18 naturally infected dogs." Journal of Veterinary Internal Medicine, 22 (6): 12891295.

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Kohn, B., Silaghi, C., Galke, D., Arndt, G. and Pfister, K. (2010). "Infections with Anaplasma phagocytophilum in dogs in Germany." Research in Veterinary Science, 91 (1): 71-76

Pichon, B., Kahl, O., Hammer, B., Gray, J.S. (2006). "Pathogens and host DNA in Ixodes ricinus nymphal ticks from a German forest." Vector Borne Zoonotic Diseases, 6 (4): 382-387.

Verfasser:

Schreiber, C. 1,2, Werner, H. 2 , Krücken, J. 1, von Samson-Himmelstjerna, G. 1, Kohn, B. 21 Institut für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin, Freie Universität Berlin, 2 Klinik und Poliklinik für Kleine Haustiere, Freie Universität Berlin