Die Narkoseüberwachung / Narkosezwischenfälle

Die Narkoseüberwachung / Narkosezwischenfälle

Ungenügende Überwachung gehört zu den häufigsten Ursachen teilweise fatal endender Narkosezwischenfälle. Sorgfältiges Narkosemonitoring hilft, Warnsignale frühzeitig zu erfassen und ermöglicht eine entsprechende Gegenregulation bevor eine lebensbedrohliche Situation entsteht. Moderne Narkoseüberwachung bedient sich unterschiedlicher Überwachungsgeräte.

Genauso wichtig jedoch wie die apparative Überwachung ist die regelmäßige klinische Überprüfung und Beobachtung des Patienten während der Operation und während der gesamten Zeit der Aufwachphase. Erfahrung in der Beurteilung von Reflexen, Schleimhautfarbe, Atem- und Pulsqualität, Körpertemperatur und Muskelrelaxation bei einem anästhesierten Patienten ist durch kein Gerät ersetzbar und damit unbezahlbar!

Präparate zur Prämedikation sowie Narkotika selbst haben häufig unerwünschte, meist dämpfende Wirkung auf Herz- Kreislauf und die Lungenfunktion. Daher konzentriert sich die intraoperative Narkoseüberwachung besonders auf Herz-, Kreislauf- und Atemparameter.

Klinische – nicht apparative – Überwachung

  • Prüfung der Reflexe
    Beurteilt werden Lidreflex, Kornealreflex, Pupillarreflex und die Bulbusrotation (siehe Anästhesiestadien)
  • Prüfung der Maulschleimhaut Farbe:
    Rosa: ausreichende Sauerstoffversorgung
    Weiß, blass: Blutverlust, Anämie, Kreislaufschock
    Bläulich, zyanotisch: Sauerstoffunterversorgung
    Bestimmung der kapillären Füllungszeit (KFZ):
    Durch kurzen Druck mit dem Finger auf die Mundschleimhaut wird das Blut aus den darunter liegenden Kapillaren herausgepresst, der „Fingerprint“ erscheint blass. Innerhalb weniger als 2 Sekunden sollte das Blut in das Gebiet zurückfließen.
    Verlangsamt ist die KFZ bei Blutdruckabfall, Blutverlust, Anämie und im Kreislaufschock.

Achtung: anästhesiespezifische Besonderheiten!
Bei der Verwendung von Medetomidin kommt es zu einer Verengung der Kapillaren in der Kreislaufperipherie. Dadurch ist die Mundschleimhaut immer blass und die KFZ immer verzögert!

  • Prüfung des Pulses
    Die Pulsfrequenz kann einfach überprüft werden. Eine Aussage über den Blutdruck durch den Füllungszustand und die Qualität des Pulsschlages setzt einige Erfahrung voraus.
  • Prüfung der Urinproduktion
    Die Kontrolle der Urinproduktion ist bei länger dauernden Operationen empfehlenswert. Der Urin wird mit Hilfe eines Blasenkatheters gesammelt. Beträgt die Urinmenge über 2ml /kg Körpergewicht und Stunde, kann davon ausgegangen werden, dass die Blutversorgung der Niere während der Narkose ausreichend ist.
  • Prüfung der Haut- und Körperinnentemperatur
    Ein Temperaturabfall kann auf einen Kreislaufschock hinweisen.
  • Auskultation mit dem Stethoskop
    Die Untersuchung mit dem Stethoskop ist eine einfache Methode, die eine Aussage über Frequenz und Qualität von Herz- und Atemtätigkeit ermöglicht.
  • Beobachtung des Atembeutels am Narkosegerät
    Die Bewegungen des Atembeutels geben einen Hinweis auf die Frequenz und die Tiefe der Atemzüge.

Apparative Überwachung

  • EKG Überwachung

Während der gesamten Operationsdauer wird die elektrische Aktivität des Herzmuskels kontrolliert. Herzrhythmusstörungen und Änderungen der Herzfrequenz können schnell erkannt werden.

Einfache Geräte reagieren lediglich mit Piepsignalen auf eine Herzaktion, technisch aufwendigere Geräte stellen EKG's kontinuierlich auf einem Monitor dar.
Ösophagussonden, spezielle Speiseröhrensonden, geben zusätzlich Auskunft über Atemfrequenz und Körperinnentemperatur.

Eine zu niedrige Herzfrequenz wird als Bradycardie bezeichnet. Beim Hund liegt sie vor, wenn die Herzfrequenz unter 60 Schlägen pro Minute beträgt, bei der Katze unter 80 Schlägen pro Minute. Die Gefahr einer Bradycardie ist das damit verbundene Absinken der Herzauswurfleistung, Abfall des Blutdruckes und damit Sauerstoffunterversorgung der Organe. Bradycardie kann bei zu tiefer Narkose auftreten.

Das Gegenteil der Bradycardie, also eine zu hohe Herzfrequenz (Hunde: mehr als 180 Schläge pro Minute, Katzen: mehr als 200 Schläge pro Minute) ist die Tachycardie.
Mögliche Ursachen für eine Tachycardie:

  • zu hohen Dosen von Narkotika sein
  • Blutdruckabfall
  • Blutverlust
  • Sauerstoffmangel
  • mangelnde Schmerzausschaltung, zu flache Anästhesie.

Herzrhythmusstörungen können im Gefolge einer zu tiefen aber auch einer zu flachen Narkose mit unzureichender Schmerzausschaltung auftreten. Auch Sauerstoffmangel oder Verschiebungen im Elektrolythaushalt kommen ursächlich vor.

  • Blutdruckmessung

Blutdruckabfall stellt eine der häufigsten Narkosekomplikationen dar. Der Blutdruck ist von Faktoren wie Herzfrequenz, Gefäßdurchmesser und Blutvolumen abhängig. Der angestrebte systemische Blutdruck, der eine adäquate Versorgung von Gehirn und Herz gewährleistet, beträgt 50 bis 60mmHg.
Blutdruck kann direkt und indirekt gemessen werden.
Bei der direkten Methode wird ein Messkatheter in eine Arterie eingeführt. Diese Methode ist sehr genau aber auch entsprechend aufwendig und kommt in der Tiermedizin eher selten zum Einsatz.
Bei den indirekten Methoden wird der Blutdruck mit entsprechenden Geräten, wie zum Beispiel Manschetten, die Druckveränderungen in einem Gefäß registrieren, von außen gemessen. Diese Geräte funktionieren bei kleinen Tieren besser und genauer als bei großen Hunden.

  • Überwachung der Atmung und Sauerstoffversorgung

Eine nicht oder zu spät erkannte Atemdepression ist eine häufige Ursache von Narkosezwischenfällen in der Tiermedizin.

Kapnographie
Bei der Kapnographie wird der Kohlendioxidgehalt in der Ausatmungsluft des Patienten gemessen. Entsprechende Sensoren werden am Tracheotubus angeschlossen.
Mit Hilfe der Kapnographie können verminderte Atemtätigkeit, Verlegung der Atemwege und unzureichende Sauerstoffzufuhr schnell erkannt werden.

Atemmonitor
Atemmonitore kontrollieren die Atemfrequenz Ein Sensor am Tracheotubus löst nach Ausbleiben von Atemzügen für eine definierte Zeit einen akustischen Alarm aus.

Pulsoxymeter und Kapnometer

Pulsoxymetrie
Die Pulsoxymetrie misst die Sauerstoffsättigung des Hämoglobins und gibt daher eine Information über die Sauerstoffversorgung des Gewebes.
Je nach Gerät gibt es Klemm-, Klebe- oder Stiftsensoren. Sensoren werden im Bereich der Zwischenzehenhaut, des (geschorenen) Ohres, im Rektum oder der Zunge angebracht.
Eine verminderte Sauerstoffversorgung des Gewebes während einer Operation kann durch verminderte Atmung / Atemstillstand, verminderte Gewebedurchblutung, Lungenfunktionsstörungen, Verlegung der Atemwege oder auch unzureichende Sauerstoffzufuhr von außen hervorgerufen werden.

Alarmstufe rot: Atemstillstand!!

Trotz der hochakuten Notfallsituation ist hektisches, ungezieltes Vorgehen unproduktiv. Es zahlt sich aus, solche Situationen vorher im Team zu besprechen, die Aufgaben zu verteilen und die Situation ab und zu mal „trocken“ zu üben!
Wichtig ist, die Ursache für den Atemstillstand zu erforschen, wenn möglich abzustellen und das Tier so schnell wie möglich mit reinem Sauerstoff zu beatmen.

Ursachen für Atemstillstand:

  • Narkoseüberdosierung
  • Tracheotubus abgeknickt oder verlegt
  • Überdruck im Bereich des Narkosegerätes (prall gefüllter Atembeutel!)

Beatmung mit Sauerstoff:

  • Narkosegas abstellen
  • Atembeutel entleeren
  • Atemkreis mit reinem Sauerstoff durchlüften
  • Beatmen mit reinem Sauerstoff
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