Der besondere Patient

Der besondere Patient

  • Neugeborene und Welpen

Zum erwachsenen Organismus gibt es hier nicht nur den erheblichen Gewichts- und Größenunterschied sondern auch Unterschiede in der Verstoffwechslung von Wirkstoffen, die unbedingt beachtet werden müssen.

So ist zum Beispiel bis etwa zur 4. Lebenswoche die Leberfunktion noch nicht ausgereift. Bei der Verwendung von Narkotika, die über die Leber abgebaut werden, kann es daher zu einer (unerwünschten) Verlängerung der Anästhesiezeit kommen.
Die Thermoregulation reagiert unzureichend, die Tiere haben generell keine Fettdepots und zu ihrer Körpermasse eine unverhältnismäßig große Oberfläche, über die Körperwärme verloren geht. Das heißt, Warmhalten spielt während der Narkose und in der Aufwachphase eine bedeutende Rolle.
Die Nierenfunktion ist ebenfalls noch vermindert, so dass Welpen gegenüber einem Flüssigkeitsverlust besonders empfindlich sind.
Die Kreislaufverhältnisse sind äußerst labil.
Welpen unter 4 Wochen können zum Beispiel ohne vorherige Sedierung in einer Narkosekammer direkt durch die Zufuhr von Isofluran bis zum Erreichen des Hypnosestadiums (III 1) anästhesiert werden. Die Narkose kann danach mit Hilfe einer Kopfkammer weitergeführt werden.
Auch die Kombination von Ketamin mit Medetomidin kommt bei Neugeborenen und Jungtieren zum Einsatz.
Zur Kreislaufstabilisation dient die Prämedikation mit Atropin.

  • Alte Tiere

Während man bei Jungtieren mit einem noch nicht ausgereiften Stoffwechsel rechnen muss, wird man beim älteren Tier mit geriatrischen Erkrankungen und demzufolge mit herabgesetzter Stoffwechselleistung wie Herzinsuffizienz oder Niereninsuffizienz, eingeschränkter Leberfunktion und vermindertem Lungenvolumen konfrontiert.

Die Folge kann eine verlängerte und verstärkte Wirkung von Anästhetika sein.
Die Abschätzung des Narkoserisikos im Vorfeld durch eingehende, nicht nur klinische sondern auch weiterführende Untersuchungen (Blutuntersuchung, EKG, Röntgen) sind dringend erforderlich.
Atropin zur Unterstützung der Herzfrequenz sollte beim alten Hund immer 15 Minuten vor der sedativen Prämedikation verabreicht werden.
Acepromazin sollte auf Grund seiner blutdrucksenkenden Wirkung alten Hunden nur in sehr geringen Dosen verabreicht werden. Auch Medetomidin und Xylazin kann bei Seniorpatienten zu Kreislaufproblemen und Atemdepression führen und sollte nur in geringen Dosen eingesetzt werden.
Kombinationen von Propofol, Isofluran, einem analgetisch wirkenden Opioid und einer zusätzlichen lokalen Anästhesie, als so genannte „balancierte Anästhesie“ kommen bevorzugt zum Einsatz.
Kreislauf, Atmung und Nierenfunktion müssen besonders intensiv überwacht werden. Die Möglichkeit während der Aufwachphase Sauerstoff zu geben (Sauerstoffzelt) ist von Vorteil.

  • Eingriffe mit Eröffnung des Brustraumes

Während nahezu alle Operationen in der Tiermedizin unter Spontanatmung der Patienten durchgeführt werden, ist die Beatmung bei Eröffnung des Brustkorbes unabdingbar. Eine weitere Besonderheit ist die extrem hohe Schmerzhaftigkeit dieses Bereiches. Analgetisch wirkende Opioide, zum Beispiel Buprenorphin, sollten möglichst schon vor der Narkoseeinleitung verabreicht werden. Wird eine Eröffnung im Rippenbereich erforderlich, kann eine Lokalanästhesie (Intercostalnervenblockade) zusätzlich analgetisch wirken. Auch postoperativ ist einer ausreichenden Versorgung mit Schmerzmitteln besonders große Aufmerksamkeit zu widmen. Schmerzen in diesem Bereich wirken sich direkt als unzureichende Atmung aus.

Die Anästhesie selbst kann sowohl als Inhalations- als auch als Injektionsnarkose durchgeführt werden.
Ob die künstliche Beatmung maschinell oder manuell durchgeführt wird ist abhängig von der apparativen Ausstattung und der Erfahrung des Anästhesisten.

  • Der „Zahnpatient“

Zahnsanierungen in Narkose gehören zu den Routineeingriffen jeder Kleintierpraxis. Gerade hier jedoch kann „Routine“ gefährlich werden. Zahnpatienten sind häufig ältere Tiere, bei denen mit einem erhöhten Narkoserisiko gerechnet werden muss. Dementsprechend sollte auch hier nicht auf eine entsprechende Untersuchung vor der Narkose verzichtet werden.

Eine antibiotische Versorgung zum Beispiel mit Spiramycin 24 Stunden vor dem Eingriff ist zur Reduktion der Bakterien in der Mundhöhle empfehlenswert. Bei schmerzhaften Manipulationen, zum Beispiel der Extraktion noch fest sitzender Zähne, ist auch die Gabe eines Schmerzmittels bereits am Vortag angezeigt.
Auch wenn die Narkose als Injektionsnarkose geplant ist, sollte der Patient intubiert werden, um die Aspiration von Schleim, Blut oder Spülflüssigkeit zu verhindern.
Achtung: Die Gefahr, dass der Tubus bei den Manipulationen abknickt, ist recht groß. Gegebenfalls können hier Tuben verwendet werden, die mit einer Stahlspirale verstärkt sind, so genannte „Woodbridge Tuben“
Je nach Umfang der Zahnsanierung können zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung postoperativ NSAID's eingesetzt werden.

  • Anästhesie beim Kaiserschnitt

Das zentrale Problem: Narkotika im Blut des Muttertieres erreichen über die Plazenta unweigerlich auch die Föten.

Angestrebte Ziele:

  • Lebensfähige, agile Welpen, die möglichst rasch saugen
  • Schnelles Aufwachen des Muttertieres aus der Narkose

Der Flüssigkeits- und Blutverlust eines Muttertieres bei einem Kaiserschnitt ist besonders hoch. Dies muss mit einer entsprechenden Infusionstherapie (20-60ml/kg Körpergewicht und Stunde!) ausgeglichen werden. Am besten ist es, die Tropfinfusion bereits vor der Narkoseeinleitung zu beginnen.
Den Gegebenheiten der bevorstehenden Geburt entsprechend befinden sich die Tiere in einem Zustand von Schmerz und Angst. Gegen eine vorzeitige Einleitung der Narkose spricht, dass die Föten so kurz wie möglich der Anästhesie ausgesetzt sein sollten. Ein ruhiger, liebevoller Umgang mit den Tieren ist daher besonders wichtig. Meist ist es günstig, wenn der Besitzer bis zur Narkoseeinleitung sein Tier betreuen kann. Vielfach gelingt es dann, das Operationsfeld bereits zu scheren, um nach der Narkoseeinleitung Zeit zu sparen.

Körbchen, Handtücher und entsprechende Notfallmedikamente zur Versorgung der Welpen sollten ebenfalls bereitliegen.

Trächtige Tiere neigen verstärkt zu Erbrechen. Die präoperative Gabe von Cimetidine verhindert dies.
Der Sauerstoffbedarf ist bei einer Trächtigkeit um etwa 20% erhöht, gleichzeitig jedoch die Lunge durch den trächtigen Uterus eingeengt. Es kann während der Narkose schnell zu einer Unterversorgung mit Sauerstoff kommen. Die Möglichkeit zur Beatmung mit Sauerstoff sollte gegeben sein.
Die Narkoseeinleitung sollte möglichst rasch und daher am besten intravenös erfolgen. Eine Intubation ist auch erforderlich, wenn die Anästhesie als Injektionsnarkose durchgeführt wird.

Viele Anästhesisten bevorzugen Narkotika, die antagonisierbar sind, das heißt, deren Wirkung durch entsprechende „Gegenmedikamente“ zum Beispiel Naloxon als Antagonist für Opioide wieder aufgehoben werden können. Diese können dann natürlich nicht nur dem Muttertier sondern bei Bedarf auch den neugeborenen Welpen verabreicht werden und damit die Narkosewirkung aufgehoben werden.

Bei der Inhalationsnarkose mit Isofluran wird häufig auf Lachgas verzichtet und reiner Sauerstoff als Trägergas eingesetzt. So wird dem erhöhten Sauerstoffbedarf des Muttertieres Rechnung getragen.

Durch das Gewicht des Uterus können bei der Rückenlagerung große Blutgefäße unter der Wirbelsäule (Vena cava caudalis) eingeengt werden, daher empfiehlt sich die halbseitliche Lagerung.

Ein gut eingespieltes OP-Team ist die beste Vorraussetzung für lebensfähige Welpen. Je rascher die Welpen nach der Narkoseeinleitung entwickelt werden, umso geringer ist die Konzentration von Anästhetikum in ihrem Kreislauf!
Zur Versorgung der Welpen müssen 1-3 Hilfspersonen bereitstehen, die die Welpen zur Stimulation der Atmung mit einem Handtuch massieren und trocknen. Schleim, Fruchtwasser und Blut aus Nasenlöchern und Mund müssen entfernt werden. Mit Hilfe einer Spritze und darauf aufgesetztem kleinen Schlauch können diese Flüssigkeiten vorsichtig abgesaugt werden. (Das früher praktizierte „Ausschütteln“ der Welpen, das heißt, die Welpen wurden mit dem Kopf nach unten 2-3x kräftig ausgeschwungen, wird nicht mehr empfohlen. Es kann dabei zu massivem Anstieg des Blutdruckes im Kopfbereich kommen)
Kommt die Atmung der Welpen nicht in Gang können je nach Narkose entsprechende Antagonisten (Naloxon) und Atemstimulantien (Doxapram) eingesetzt werden.
Besonders wichtig sind die Zufuhr ausreichender Wärme und das Anlegen an das Muttertier so früh wie möglich.

 

AWB-2142148100