Schmerzgedächtnis

„Schmerzgedächtnis“, „Schmerzkrankheit“:

Wenn akute Schmerzen nicht ausreichend und nicht schnell genug gelindert werden, können sie chronisch werden.
Nervenzellen sind hochsensibel und lernfähig. Durch anhaltende oder ständig wiederkehrende Schmerzreize kommt es zur Übererregung des Nervensystems, es entwickelt sich ein „Schmerzgedächtnis“.

Diese Sensibilitätserhöhung erfolgt sowohl peripher – im Körpergewebe - als auch zentral – im Gehirn.

  • Periphere Sensibilisierung: Folgen in der direkten Umgebung des geschädigten Gewebes

Die Erregbarkeit der vorhandenen Schmerzrezeptoren wird durch die Einwirkung von Entzündungsmediatoren gesteigert.

Nicht auf Schmerzreize spezialisierte Nervenendigungen, so genannte polymodale Rezeptoren, werden zu Nozizeptoren umfunktioniert („schlafende Rezeptoren werden geweckt“!).
Dadurch verändert sich die Reaktion des Körpers auf erneute Schmerzreize. Das Resultat ist eine erhöhte Empfindlichkeit des Gewebes, welches die eigentliche Verletzung umgibt.

Es reagiert in der Folgezeit selbst auf schwache Reize mit Schmerzsignalen. In manchen Fällen bleibt diese Schmerzempfindung selbst nach der Heilung der ursprünglichen Schmerzursache.
Schmerzmediatoren veranlassen zusätzlich eine vermehrte Durchblutung im Bereich der Verletzung und eine erhöhte Durchlässigkeit der Blutgefäßwände für Blutwasser. Die Folgen davon sind: Rötung, Schwellung (Ödeme) und lokale Übererwärmung.

  • Zentrale Sensibilisierung: Folgen im zentralen Nervensystem

Langanhaltende, intensive Schmerzreize durch massive Gewebeverletzungen in der Körperperipherie aktivieren Schmerzrezeptoren im Rückenmark und führen wie in der Körperperipherie auch im Rückenmark zu einer verstärkten Freisetzung und Aktivierung von Schmerzmediatoren, den Übermittlersubstanzen.

Der Schmerz wird im zentralen Nervensystem verstärkt wahrgenommen und verstärkt beantwortet.

Folgen peripherer und zentraler Sensibilisierung:

- Die Schmerzschwelle sinkt, die Sensibilität ist erhöht: Reize, die eigentlich unter der Schmerzschwelle liegen, werden plötzlich als schmerzhaft empfunden.
- Die Schmerzintensität nimmt zu, das Schmerzempfinden gegenüber Reizen steigt.
- Die Schmerzausdehnung wächst, Schmerzen werden aus einem größeren Gebiet als das der eigentlichen Gewebeschädigung wahrgenommen.
- Die Schmerzdauer nimmt zu.

Was empfindet der verletzte Patient?

  • selbst geringe Berührungen tun schon weh!
  • der Schmerz wird schlimmer!
  • der Schmerz dehnt sich aus: alles tut weh!
  • der Schmerz dauert lange Zeit!

Aus dem akuten Schmerz wird eine eigenständige Erkrankung: die „Schmerzkrankheit“.

Eine Sonderform der Schmerzkrankheit ist der „Phantomschmerz“.

Dieser abnorme Schmerzzustand kann sich nach der Amputation eines Körperteils (Gliedmaße, Teil einer Gliedmaße, Zahn) entwickeln. Obwohl der Patient den Körperteil nicht mehr besitzt, verspürt er Schmerzen darin. Ursache dieser Fehlinformation ist die Verletzung des Nerven, der für die Schmerzweiterleitung aus dem betroffenen Gebiet zuständig war, während der Operation. Es handelt sich also von der Schmerzart um einen „neuropathischen Schmerz“: Der Patient verspürt Brennen, Kribbeln, Stechen oder auch Krämpfe außerhalb des Körpers!

Fazit: Um Schmerzkrankheiten zu vermeiden ist es wichtig, wenn möglich Schmerzen bereits vor der Entstehung zu bekämpfen (zum Beispiel durch Gabe von Schmerzmitteln vor einer Operation) oder zumindest die adäquate analgetische Therapie in der Anfangsphase des Schmerzes einzuleiten.
Der früher postulierte Grundsatz: „so wenig Schmerzmittel wie möglich“ gilt nicht mehr!

AWB-2142148100