Opioide

Opioide

  • Starke analgetische Wirkung, Wirkung im Bereich des Zentralen Nervensystems

Opium ist der getrocknete Milchsaft des Schlafmohns, den man durch Anritzen der noch unreifen Samenkapsel gewinnt. Opium, „Tränen des Mohns“, wurde bereits im Altertum zur Bekämpfung von Schmerzen eingesetzt. Erste schriftliche Rezepturen stammen aus der Zeit von 1550 vor Christus.

Als Opiate bezeichnet man die natürlichen Abkömmlinge des Opiums, z. Beisp. Morphin, Codein und Thebain (Codein ist ein Opiat, das das Hustenzentrum dämpft und die analgetische Wirkung von NSAID's verstärken kann).

Opioid bedeutet: opium-ähnlich. Opioide werden synthetisch hergestellt und haben häufig chemisch eine ganz andere Struktur als Opiate.

  • In der Tiermedizin gebräuchliche Opiate und Opioide:
  • Butorphanol
  • Buprenorphin
  • Levomethadon
  • Methadon
  • Codein (Humanmedizin)
  • Fentanyl
  • Morphin (Humanmedizin)
  • Tramadol (Humanmedizin)

Wirkungsweise

Opiate, Opioide (und Endorphine!) koppeln an die gleichen, speziellen Bindungsstellen an: → Opioidrezeptoren. Diese Rezeptoren kommen im gesamten Körper vor. Zusätzlich können sie sich in entzündetem Gewebe neu bilden.

Opiate, Opioide (und Endorphine!) haben daher vergleichbare Wirkungen:
Die Ausschüttung von Neurotransmittern in den schmerzleitenden Fasern wird gehemmt, die Schmerzweiterleitung gestoppt und die Schmerzschwelle erhöht.

Gleichzeitig löst die Stimulation der Opioidrezeptoren eine Veränderung des Bewusstseins und der Wahrnehmung aus.

Sie wirken außer stark analgetisch auch angstlindernd und stimmungsaufhellend bis rauschartig.

Es gibt 3 verschiedene Opioidrezeptortypen, nämlich My, Kappa, und Delta – Rezeptoren. Diese unterscheiden sich in ihren analgetischen und das Bewusstsein beeinflussenden Effekten, sowie auch in ihrer Wirkung auf Atmung, Kreislauf und Darmmotilität.

  • Die Stimulation der μ (My)–Rezeptoren bewirkt eine Analgesie. Dosisabhängig kann es zur Hemmung der Magen-Darm-Motilität (und damit zur Verstopfung), zu Erbrechen, zur Atem- und Kreislaufdepression und zu euphorischen Stimmungszuständen (daher Suchtpotential!) kommen.
  • Die Besetzung der κ (Kappa)–Rezeptoren führt ebenfalls zur Analgesie. Sie wirkt auch atemdepressiv, außerdem sedierend und eher depressiv (geringes Suchtpotential).
  • δ (Delta)–Rezeptoren werden vorzugsweise von körpereigenen Endorphinen besetzt. Sie vermitteln außer Analgesie Gereiztheit, Atemdepression und Halluzinationen.

Sie werden von den Opioiden unterschiedlich bevorzugt, weshalb in diesem Rahmen verschiedene Opioide eine Variabilität in der Stärke der Analgesie, der Nebenwirkungen und der Rauschwirkung besitzen (siehe zwei Beispiele).

Je nach Besetzung dieser Rezeptoren unterscheidet man zwischen Opioiden der Stufe I und Opioiden der Stufe II.

Zu den Opioiden der Stufe I gehören Butorphanol und Buprenorphin. Sie wirken sowohl an My- als auch an Kappa–Rezeptoren. Sie bewirken eine gute Analgesie und rufen so gut wie keine Nebenwirkungen hervor.

Zu den Opioiden der Stufe II gehören Methadon und Fentanyl. Sie stimulieren den My–Rezeptor, haben eine starke analgetische Wirkung, führen aber im Vergleich zu den Opiaten der Stufe I häufiger zu Nebenwirkungen.

Um eine Aussage über den Grad der Schmerzwirksamkeit der unterschiedlichen Opioide machen zu können, wird als Maßstab die analgetische Potenz von Morphin (wird auch als „Ursubstanz der Opioide bezeichnet“) als Vergleichsgröße hinzugezogen:

  • Nach der Verabreichung von Morphin dauert es etwa 20–60 Minuten bis zum Wirkungseintritt. Die Analgesie hält 4 Stunden an.
  • Butorphanol wirkt etwa 5-mal stärker analgetisch als Morphin.
    Nach der Injektion von Butorphanol dauert es 15–30 Minuten bis zum Wirkungseintritt. Die Wirkdauer beträgt 1-4 Stunden.
  • Levomethadon, das häufig mit einem sedativ wirkenden Präparat, zum Beispiel Acepromazin oder Xylazin (siehe auch Fernkolleg „Narkose bei Hund und Katze“) als Anästhesie-Grundlage verwendet wird, hat eine etwa 10-mal stärkere analgetische Wirkung wie Morphin.
    Der Wirkungseintritt erfolgt 5-10 Minuten nach der Applikation. Die analgetische Wirkung hält insgesamt bis zu 5 Stunden an. Die anästhetische Wirkdauer beträgt ca. 45 Minuten.
  • Buprenorphin wirkt etwa 30-mal stärker analgetisch als Morphin.
    Nach Applikation erreicht es die volle analgetische Wirkung innerhalb von 15-30 Minuten. (Idealerweise sollte es 1 Stunde vor der Schmerzstimulation / operativem Eingriff gegeben werden) Die Wirkdauer beträgt 8-10 Stunden.
  • Fentanyl wirkt etwa 100-mal stärker als Morphin.
    Nach i.v. Injektion tritt die analgetische Wirkung von Fentanyl bereits nach 3-5 Minuten ein und hält 20 – 30 Minuten an. Aufgrund dieser relativ kurzen Wirkdauer wird es bei schmerzhaften Eingriffen als Tropfinfusion eingesetzt.

Therapeutische Möglichkeiten

Opioide werden bei schweren Schmerzzuständen und bei akuten Schmerzen (Verletzung, Chirurgie) eingesetzt.

Möglichkeiten der Opioid-Verabreichung:
oral, s.c., i.m., i.v., Dauertropfinfusion, transdermal, epidural.

Opioide können gut mit anderen Analgetika wie zum Beispiel NSAID's kombiniert werden (siehe auch: „Balancierte Analgesie“).

  • Buprenorphin kann i.v., i.m., s.c. und oral verabreicht werden. Es kann als Schmerzmittel vor, während und nach einer Operation bei Hunden und Katzen eingesetzt werden.
  • Butorphanol eignet sich auf Grund seiner eher kurzen analgetischen Wirksamkeit nur eingeschränkt zur Schmerzbekämpfung nach einer Operation
    Beide wirken gut gegen viszerale Schmerzen.
    Nebenwirkungen (siehe oben) treten bei korrekter Dosierung eher selten auf.
  • Fentanyl wird häufig mit anderen Anästhetika (zum Beispiel mit einer Inhalationsnarkose) kombiniert und als gut steuerbares Schmerzmittel – meist per Tropfinfusion – während Operationen eingesetzt. Für dieses Anwendungsgebiet ist inzwischen eine Injektionslösung für Hunde zugelassen. Aufgrund der sehr kurzen Wirksamkeit eignet sie sich nicht zur Bekämpfung von Schmerzen nach der Operation. Hierfür wurde für Hunde eine transdermale Lösung entwickelt, die mittels Spezialapplikator in der dorsalen Schulterregion auf die Haut aufgetragen wird. Hier wird es schnell resorbiert und in tieferen Hautschichten verteilt. Fentanyl ist eine fettlösliche Substanz und wird daher gut über die Haut aufgenommen. Von hier erfolgt die systemische Resorption. Die Schmerzlinderung hält mindestens 4 Tage lang an. Bis zur Einführung der transdermalen Lösung für Hunde wurden bei schweren Schmerzzuständen auch häufiger für die Humanmedizin entwickelte Pflaster eingesetzt, die in einer Stunde eine genau definierte Menge Fentanyl abgeben.:
    Sie werden beim Menschen postoperativ und bei Tumorschmerzen eingesetzt.
    Die Pflaster enthalten eine große Gesamtwirkstoffmenge, die bei Fehlanwendung zu lebensgefährlichen Komplikationen bei Tieren und Menschen, die mit dem Pflaster in Kontakt kommen, führen kann.
    Tierbesitzer müssen daher vor der Anwendung gut aufgeklärt werden.
    Die Pflaster dürfen keinesfalls in kleinere Stücke geschnitten werden, da dies eine unkontrollierte Wirkstofffreisetzung zur Folge hat.
    Sie werden meist im Bereich von Thorax oder Hals aufgeklebt und durch Verbände vor dem Ablecken geschützt. Die Haare müssen geschoren werden und die Haut mit Alkohol abgetupft werden, damit das Pflaster klebt.
    Fentanyl-Pflaster sind nicht für Tiere zugelassen.
    Da Fentanyl ein Opioid ist, sind auch die Pflaster betäubungsmittelpflichtig.
    Wirkdauer : 6-8h
    4 Wirkstärken : 25, 50, 75 und 100µg/h
    Klebefläche : 10, 20, 30, 40 cm²
  • Levomethadon ist in Deutschland zur Anwendung bei Hunden und Pferden zugelassen. Es findet Anwendung in der Anästhesie und eignet sich auf Grund seiner relativ langen analgetischen Wirkung auch zur Bekämpfung postoperativer Schmerzen.
  • Für Codein, Morphin und Tramadol gibt es in Deutschland keine für Tiere zugelassene Formulierung. Die Wirkstoffe finden nur bei speziellen Indikationen Anwendung in der Veterinärmedizin (z.B. Codein: Antitussivum, Morphin: intraartikuläre Analgesie).

Nebenwirkungen, Vorsichtsmaßnahmen

Opioide sind sehr potente Medikamente zur Schmerzbekämpfung und bei starken Schmerzzuständen den NSAID's überlegen. Sie besitzen eine recht große Dosierungsbreite und sind auch bei Risikopatienten im Vergleich zu den NSAID's verträglicher. Bei korrekter Dosierung gilt die Substanzgruppe als relativ nebenwirkungsarm und sicher in der Anwendung.

Opioidrezeptoren befinden sich nicht nur im Bereich des Nervensystems, sondern auch in verschiedenen anderen Körperorganen. Daher können bei der Verabreichung von Opioiden außer einer Analgesie diverse weitere Wirkungen hervorgerufen werden.

Da sich Opioidrezeptoren auch im Darm befinden, führt ihre Anwendung häufig zu einer herabgesetzten Magen-Darmtätigkeit (Verstopfung, Ileus).

Weitere Nebenwirkungen, die beim Einsatz von Opioiden auftreten können, sind Übelkeit und Erregungszustände, Kotabsatz, Harnverhalten, Hecheln.
Eine Überdosierung dieser Stoffe kann zu Atemlähmung, Bradycardie (verlangsamte Herztätigkeit) und Blutdruckabfall bis zum Herz-Kreislauf-Stillstand führen.

Beim Auftreten dieser Nebenwirkungen können so genannte Antagonisten, zum Beispiel Naloxon, eingesetzt werden, die die Opioide von ihren Rezeptoren verdrängen und damit ihre Wirkung und Nebenwirkungen aufheben (siehe unten).

Da Opioide beim Menschen zur Abhängigkeit (Suchtpotential) führen können, unterliegt ihr Gebrauch den strengen Bestimmungen der Betäubungsmittel – Verordnung (BtmVo). Der Umgang mit diesen Wirkstoffen bedarf einer speziellen Erlaubnis und ist auf Personen mit entsprechender Sachkenntnis (Mediziner, Tiermediziner, Biologen, Chemiker) beschränkt. Der Erwerb und Verbrauch muss nach entsprechenden Richtlinien dokumentiert werden.

Opioidantagonisten

Als Opioidantagonisten werden Substanzen bezeichnet, die zwar an Opioidrezeptoren andocken, diese aber blockieren, also keine Opioidwirkung auslösen.

Opioidantagonisten können auch bereits angekoppelte Opioide von diesen Rezeptoren verdrängen und daher deren Wirkung (und zwar sowohl sedative, als auch atemdepressive als auch analgetische Wirkung!)aufheben.

Opioidantagonisten werden besonders in Fällen eingesetzt, wo es durch Überdosierung von Opioiden zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Atemdepression gekommen ist.

Ein solcher Opioidantagonist ist zum Beispiel Naloxon (zur Zeit kein veterinärmedizinisches Präparat auf dem Markt; Umwidmung Humanarzneimittel)..

Besonders bei intravenöser Verabreichung wirkt Naloxon innerhalb weniger Sekunden. Bedacht werden muss, dass dieser Wirkstoff nicht nur unerwünschte Nebenwirkungen wie Atemdepression und Bewusstseinsveränderungen aufhebt, sondern auch die (erwünschte!) analgetische Wirkung! Heftige Schmerzreaktionen können die Folge sein.

Außerdem wird Naloxon vom Körper schneller abgebaut als die meisten Opioide. Die Wirkdauer von Naloxon ist abhängig von der Applikationsart. Sie beträgt nach i.v. Injektion 15-45 Minuten, nach i.m. oder s.c. Injektion bis zu 2 Stunden. Daher müssen die Tiere nach der Verabreichung genau beobachtet und gegebenenfalls nachdosiert werden.

Müssen im Rahmen einer Operation mit fortbestehenden Schmerzen gerechnet werden, sollte möglichst vor der Gabe von Naloxon ein Schmerzmittel aus einer anderen Substanzgruppe (zum Beispiel Metamizol oder NSAID) verabreicht werden.

Nur Buprenorphin scheint noch stärker als Naloxon an die Rezeptoren angekoppelt und kann daher nur mit erhöhten Dosen von Naloxon verdrängt werden. Das heißt, die analgetische Wirkung von Buprenorphin kann durch Naloxon nur schwer aufgehoben werden.

AWB-2142148100