Verhaltensprobleme

Verhaltensprobleme/ Verhaltensstörungen bei der Katze

Was ist eine Verhaltensstörung?

Der Begriff der Verhaltensstörung wird vom Menschen gern genannt, wenn Tiere ein Verhalten zeigen, das für ihn problematisch ist oder von ihm nicht eingeordnet werden kann. Häufig werden aber in der Praxis Verhaltensangewohnheiten als Störung von den Tierbesitzern bezeichnet, die lediglich als Verhaltensproblem dastehen, da sie für die Besitzer ein Problem darstellen, es sich jedoch um ein Normalverhalten der Katze handelt.

Wissenschaftlich gesehen liegt eine Verhaltensstörung vor, wenn

  • das Verhalten nicht in das normale Verhaltensrepertoire der Tierart gehört.
  • wenn ein Tier ein Verhalten seines normalen Repertoires so extrem zeigt, dass es dadurch in der Natur den Tod finden würde. (Eine Katze, die ständig einen aggressiven Ernstkampf beginnt, würde sich in der Natur zu schnell verausgaben.)

Bei echten Verhaltensstörungen ist das Verhalten nicht mehr zweckgebunden. Bei Katzen können sich Verhaltensstörungen oft durch Stress, z.B. durch eine reine Wohnungshaltung bei vorher gewohntem Freigang, entwickeln. Die Katze versucht, einer für sie ungünstigen Situation durch den Versuch verschiedener Verhaltensweisen auszuweichen. Manchmal hilft es der Katze, aber die eigentliche Stresssituation verändert sich nicht.

Bei allen Überlegungen zum Verhalten muss man bedenken, dass Katzen fakultativ sozial sind. Das heißt, sie leben durchaus in Gruppen zusammen (s.o.), wenn die Voraussetzungen, z.B. Nahrungsangebot stimmen. Im Gegenteil dazu sind Hunde obligat sozial, das heißt, sie brauchen Sozialpartner. Sie haben ein ausgefeiltes Kommunikationssystem entwickelt, das zu weniger Stress im Zusammenleben führt. Katzen haben dieses nicht.

Die wichtigsten Verhaltensstörungen bei der Katze

Aggressivität

Aggression gehört zum Normalverhalten der Katze. Es kann verschiedenen Funktionskreisen zugeordnet werden und dient der Schaffung und Aufrechterhaltung von räumlichen oder zeitlichen Distanzen, um Ressourcen im eigenen Interesse zu sichern. Katzen können bei einer Auseinandersetzung um eine Ressource verstärkt aggressive (=agonistische) Verhaltensweisen oder deeskalierende und submissive Verhaltensweisen zeigen. Es gibt die Überlegung, ob aggressive Komponenten teilweise genetisch verankert sind. Bei Katzen kann man folgende Aggressionsprobleme feststellen:

  • Aggression gegenüber Artgenossen, hier entweder durch neue Katzen im Wohngebiet, eine weitere Katze in der häuslichen Gemeinschaft oder als Schutz der Welpen.
    Hier haben viele Besitzer Probleme zu erkennen, von wem die Aggression ausgeht. Oft ist es so, dass eine Katze von einer anderen sehr subtil bedroht werden kann (Drohfixierung), ohne dass der Besitzer das mitbekommt. Irgendwann reagiert die bedrohte Katze dann ihrerseits mit (offensichtlich) aggressivem Verhalten und der Besitzer denkt, dass sie der Aggressor ist. Unterbindet der Besitzer diese Reaktion, bekommt die Katze noch mehr Stress und wird unter Umständen heftigere oder zusätzliche Verhaltensweisen zeigen, die dem Menschen unangenehm sind.
  • Aggression gegenüber Menschen, oft entstanden durch mangelnde Sozialisation, fehlendes handling, Schmerz, übersteigertes Jagd- oder Spielverhalten, Missachtung der Individualbereiche seitens des Menschen oder schlechte Erfahrungen.
  • Territorialaggression durch zu enge Besiedlung der Territorien, vor allem in städtischen Gebieten oder bei Wohnungskatzen
  • Spielaggression durch fehlende Sozialisation oder unzureichende Spielerfahrungen (s.o. Einzel-/ Handaufzuchten von Kitten
  • Angstaggression durch schlechte Erfahrungen mit Umwelteinflüssen oder anderen Tierarten und Menschen. Ziel der Angstreaktion ist der Versuch, Abstand zu bedrohlichen Gegenständen oder Lebewesen zu gewinnen.

Man findet bei Angst und anderen Konfliktsituationen grundsätzlich vier typabhängige Verhaltensstrategien: Die 4 Fs!

  • Freeze= Erstarren, in der Hoffnung, das die Gefahr vorübergeht.
  • Flight= Flucht, um die Bedrohung zu vermeiden
  • Flirt= Übersprungshandlungen, um die Bedrohung abzuwenden
  • Fight= Kampf, Angriff, um die Bedrohung zu vertreiben

Generell wird die Verhaltensstrategie gezeigt, die bisher den besten Erfolg gebracht hat, wobei der Kampf fast immer als letzte Möglichkeit eingesetzt wird, da hierbei ein hohes individuelles Risiko besteht.

  • Umgerichtete Aggression: der Auslöser für die Aggression ist etwas, an das die Katze nicht herankommt, die Reaktion wird gegen einen/ etwas Unbeteiligten / Unbeteiligtes gerichtet
  • Schmerzaggression durch nicht erkannte oder nicht therapierte Schmerzprozesse
  • Aggression durch ZNS-Störungen tritt häufig plötzlich ohne erkennbare Ursache auf mit zunehmender Frequenz und Heftigkeit. Diese Aggressionen müssen prognostisch und therapeutisch als sehr ungünstig gewertet werden.

Unsauberkeit

Katzen haben sehr bestimmte Bedürfnisse, wie und wo sie ihre Ausscheidungen absetzen. Freigänger können diese Bedürfnisse frei befriedigen, aber bei Wohnungskatzen muss ein katzengerechtes Toilettenmangement durch den Menschen erfolgen. Die Zahl der Toiletten (n= Anzahl der Katzen +1) sollte gewährleistet sein, ebenso wie eine ausreichende Größe (der Größe und dem Gesundheitszustand/ Beweglichkeit der Katze(n) angemessen) und eine geeignete Einstreu (viele Katzen bevorzugen sandartiges Streu) incl. ausreichender Menge (mind. 5 cm Tiefe). Die Aufstellungsorte sollten vom Futter sowie von den Ruheplätzen entfernt sein. In jeder Wohnetage sollte sich mindestens eine Toilette befinden. Der Zugang sollte stets frei sein (ungünstig wäre z.B. das Aufstellen auf einem Balkon). Gerade wenn mehrere Katzen im Haus leben, sollte Sackgassen und/ oder sehr enge Standorte vermieden werden. Sollte ein Zugang durch eine andere Katze blockiert werden, sollte es mindestens eine Alternative geben. Katzen bevorzugen Plätze, die ihnen sowohl Übersicht als auch Rückendeckung bieten, so dass sie vor unliebsamen Überraschungen sicher sind. Gerade Toiletten mit Deckel, die für den Besitzer sehr vorteilhaft, da geruchsmindernd sind, werden von Katzen häufig verweigert oder nur ungern akzeptiert. Zum einen ist die Geruchsbelastung im Innern der Toilette erheblich erhöht, zum anderen wird ein höhlenartiger Raum gerne als Ruheraum angenommen, aber entspricht nicht den Ansprüchen an einen Ausscheidungsort. Außerdem sollte eine Toilette immer ausreichend Standfest sein und natürlich regelmäßig gereinigt werden.

Man muss unterscheiden zwischen

gestörtem Ausscheidungsverhalten durch

  • fehlerhaftes Toilettenmanagement, wie falsche Toilettengröße, unzureichende Toilettenanzahl, falscher Toilettenaufstellungsort, falsche Streu, mangelnde Hygiene
  • körperliche Probleme bei älteren und kranken Katzen, wie Harnwegserkrankungen, gastrointestinale Störungen, Einschränkung von Sinneswahrnehmungen, ZNS-Störungen, Senilität

Kotabsatzprobleme sind meist Ausscheidungsprobleme!

gestörtem Markierverhalten durch

  • Unsicherheit, Angst (hier häufig Pinkeln in´s Bett)
  • hohen sozialen Druck
  • Stress im Kerngebiet (= Wohnung)
  • Stress von außen (hier meist Markierungen in Fenster- oder Türnähe)

Zerkratzen von Gegenständen und Wänden

Kratzen ist ein genetisch festgelegtes Verhalten bei Katzen und dient der Reviermarkierung, weshalb die Kratzspuren regelmäßig erneuert werden. Gleichzeitig werden auch so die Krallen geschärft. Hauskatzen wählen hierfür oft Türpfosten, Sofaecken und Wände im Tür- oder Fensterbereich, wenn ihnen nicht genügend Kratzmöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Das Auftauchen neuer Katzen sowohl in der Wohnung, als auch draußen, ist oft die Ursache für verstärktes Kratzen.

Viele Besitzer denken, dass Katzen sich mit jeder Kratzmöglichkeit, die ihnen geboten wird, zufriedengeben. Dabei haben die Tiere sehr konkrete und individuelle Ansprüche. Katzen benötigen mehrere Kratzmöglichkeiten, diese können sowohl horizontal als auch vertikal ausgerichtet sein. Materialien wie Bambus, Sisal, Kokosfaser oder Maisstrohmatten werden gerne angenommen. Noch wichtiger als das Material sind die Standorte. Kratzmarkierungen werden in unmittelbarer Nähe der Schlafräume, gut sichtbar im Zentralbereich des Reviers, sowie an Orten, an denen Stress erlebt wurde, angebracht. Kratzgelegenheiten sollten standfest sein und von der Höhe her der einer aufgerichteten Katze entsprechen. Die Besitzer hingegen denken meistens eher an hübsches, optisches Design oder auch an ein Mutifunktionsobjekt, das sowohl als Kratzgelegenheit, Kletterbaum, Versteck und Ruheplatz dienen soll.

Für die Lebensqualität der Katze ist zunächst eine funktionelle Trennung der Bereiche sinnvoller: 1. Mehrere Kratzmarkierstellen, 2. Zugang zur dritten Dimension, 3. Rückzugsräume

Sterereotypien, Pica

  • Stereotypie= sich wiederholendes Verhaltensmuster ohne erkennbares Ziel und ohne Funktion, wobei normale Verhaltensabläufe beeinträchtigt werden.
  • Pica = Fressen nicht verdaulicher Objekte (Wollefressen bei Orientalen)

Es gibt unterschiedliche Ursachen:

Genetik

Bei Siamesen und Burmesen ist das Wollefressen genetisch gehäuft anzutreffen

Hirnstörungen

Infektiöse, toxische oder angeborene Hirnveränderungen.

Stress

Stereotypien können aus Konfliktsituationen heraus entstehen in Form von Leerlauf- oder Übersprungshandlungen. Schlechte Haltungsbedingungen oder schlechte Erfahrungen lösen Stereotypien aus.

Lernen, Suchtentwicklung

Vorangegangene Erkrankungen (Allergien, Flohdermatitis, Analdrüsenentzündung, Schmerzen) können intensives Nagen und Belecken auslösen, das sich auch nach Abheilung als Verhalten verselbständigt. Die besondere Zuwendung der Tierbesitzer in diesen Situationen führen zu einer erlernten Stereotypie.

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