Verhaltensprobleme

Verhaltensproblem, Problemverhalten, Verhaltensstörung

Wenn Tiere Verhalten zeigen, das für ihre Besitzer problematisch ist oder von ihm nicht eingeordnet werden kann, sprechen diese oft von einer Verhaltensstörung. So einfach ist die Sache aber dann doch nicht. In der Regel haben Hundebesitzer Schwierigkeiten mit Verhaltensweisen ihrer Hunde, mit denen sie nicht umgehen können, die aber letztendlich dennoch zum Normalverhalten des Hundes gehören. Hier sprechen wir von Verhaltensproblemen. Dazu gehört z.B. das Wälzen in Aas, fressen von allem, was auf dem Boden liegt, aber auch knurren bei Hunde- oder Menschenbegegnungen

Ein Problemverhalten liegt dann vor, wenn der Hund im Rahmen seines Normalverhaltens Verhaltensweisen zeigt, die den jeweiligen Situationen nicht angemessen sind und daher im sozialen Alltag vor allem dem Besitzer Schwierigkeiten bringen. Auch hier handelt es sich um erlernte Verhaltensweisen in bestimmten Situationen. Hier gehört z.B. ein direktes aggressives Verhalten gegenüber Menschen und Hunden, weil der Hund vorher für ein Knurren bestraft worden ist und in der Folge diese Drohsequenz überspringt. Auch übersteigertes Jagdverhalten gegenüber Joggern, Radfahrern etc. kann hier eingruppiert werden, ebenso wie starkes Territorialverhalten in der Wohnung oder im Garten oder Ressourcenverteidigung gegenüber den Besitzern.

Wissenschaftlich gesehen liegt eine Verhaltensstörung erst dann vor, wenn

  • das Verhalten nicht in das normale Verhaltensrepertoire der Tierart gehört.
  • ein Tier ein Verhalten ihres normalen Repertoires so extrem zeigt, dass das Tier dadurch in der Natur den Tod finden würde. (Ein Hund, der ständig einen aggressiven Ernstkampf beginnt, würde sich in der Natur zu schnell verausgaben oder selbst verletzt werden.)

Bei echten Verhaltensstörungen ist das Verhalten nicht mehr zweckgebunden. Bei Hunden können sich Verhaltensstörungen oft durch Stress entwickeln. Der Hund versucht, einer für ihn ungünstigen Situation durch den Versuch verschiedener Verhaltensweisen auszuweichen. Manchmal hilft es dem Hund, aber die eigentliche Stresssituation verändert sich nicht. Hierzu gehören z.B. das Schwanz jagen, das Fliegen schnappen, massives der Situation nicht angemessenes Aggressionsverhalten, Selbstbeknabbern etc.

Man muss also sehr genau auf die Beschreibungen der Besitzer achten.

Im Folgenden werden die wichtigsten Themen in der Verhaltenstherapie beschrieben.

Aggressivität

Aggression gehört prinzipiell zum Normalverhalten des Hundes, dennoch stellt sie im täglichen Umgang vieler Hundebesitzer mit ihren Hunden oder bei der Begegnung mit anderen Hunden ein häufiges Problem dar, da sie die Situation nicht einschätzen können. Aggression kann verschiedenen Funktionskreisen zugeordnet werden und dient der Schaffung und Aufrechterhaltung von räumlichen oder zeitlichen Distanzen oder um Ressourcen im eigenen Interesse zu sichern. Hunde können dabei verstärkt aggressive oder zunächst auch erst deeskalierende und submissive Verhaltensweisen zeigen. Man kann verschiedene Zuchtlinien mit einem erhöhten Aggressionspotenzial finden, welches sich vermutlich epigenetisch entwickelt hat. Dies bedeutet, dass Verhaltensweisen sich genetisch durch Umweltbedingungen verändert haben. Häufig sind Angst und/ oder Unsicherheit und Stress der Auslöser für aggressives Verhalten. Hat ein Hund beim Zeigen von Aggression in einer Angstsituation Erfolg, tritt auch noch ein Lernprozess ein, der ihn in diesem Tun bestätigt. Die Persönlichkeit des Hundeführers und die Mensch-Hund- Bindung spielen eine wesentliche Rolle in der Ausprägung aggressiven Verhaltens.

Auch haben Menschen unterschiedliche Ansichten über Aggression: Eine Frau, die im Park angegriffen wird und deren Hund den Angreifer beißt, hat einen tollen Wachhund. Ein Hund, der einen Besucher bei der Begrüßungsumarmung beißt, hat dagegen eine aggressive Verhaltensstörung.

Je unsicherer ein Hund ist und je weniger Erfahrungen er hat, desto eher neigt er zu aggressiven Gesten. In der Tierarztpraxis begegnet uns Aggression oft im Zusammenhang von Distanzunterschreitung der Untersuchenden oder bei einem Schmerzgeschehen und sollten unbedingt beim Umgang mit Patienten berücksichtigt werden. Die Reaktion des Praxispersonals auf Droh- oder Angriffsverhalten sollte in keinem Fall eine Gegenaggression sein, sondern immer von Deeskalation und Verständnis geprägt sein.

Angst

Angst zu haben ist angeboren und wird durch Lernprozesse individuell geformt. Ziel von Angstreaktionen ist der Versuch, Abstand zu bedrohlichen Gegenständen oder Lebewesen zu gewinnen. Außerdem tauchen bei Beschreibungen oft noch die Begriffe Panik, Phobie und Furcht auf. Wie unterscheiden sich diese Emotionen? Angst ist eine bei allen Lebewesen ausgeprägte Emotion mit Warn- und Schutzfunktion. Sie ist ein allgemeines Gefühl, gegenstandslos und ungerichtet. Angst bewirkt eine erhöhte Anspannung und Wachsamkeit des Lebewesens. Eine Steigerung dieses Angstgefühls ist die Phobie. Hier liegt eine ausgeprägte Angststörung vor, die dann in Panikzuständen endet, in denen das betroffene Lebewesen nur noch schwer ansprechbar ist. Die Furcht ist eine Angstreaktion bei einem konkreten Objekt oder in einer spezifischen Situation

Gerade in der heutigen Zeit begegnet man vielen Hunden aus dem Tierschutz, die in der Regel über ausgeprägte Defizite im Sozialisationsbereich verfügen. Dies löst bereits bei kleinen unbekannten Ereignissen Angst, Panik oder Furcht aus. Hundebesitzer wissen oft nicht, wie man richtig mit den Ängsten ihrer Hunde umgeht und können daher Verhaltensweisen ihrer Tiere oft noch verstärken und geben ihnen in diesen Situationen oft auch nicht genügend Sicherheit.

Man kennt als Konfliktstrategien bei Ängsten, Stress oder Bedrohung grundsätzlich 4 Verhaltensweisen: Die 4 F!

Die 4 Fs!

  • Freeze = Erstarren, in der Hoffnung, das die Gefahr vorübergeht.
  • Flight = Flucht, um die Bedrohung zu vermeiden
  • Flirt = Übersprungshandlungen, um die Bedrohung abzuwenden
  • Fight = Kampf, Angriff, um die Bedrohung zu vertreiben

Generell wird das Verhaltensmuster gezeigt, das bisher den besten Erfolg gezeigt hat, wobei der Kampf/ Angriff eigentlich immer als letzte Möglichkeit eingesetzt wird, da hierbei ein hohes individuelles Risiko besteht.

Typische Angstreaktionen sind auch noch Zerstörung der Umgebung, übermäßiges Lautgeben, Unruhe, Unsauberkeit, beispielsweise bei Trennungsstress Auch im Praxisgeschehen werden wir immer wieder mit Ängsten der Hunde konfrontiert und hier ist es sehr wichtig, den Tieren größtmögliche Sicherheit zu geben, die Besitzer korrekt anzuleiten und auch das Verhalten des Praxisteams immer wieder zu kontrollieren.

Repetitive oder stereotype Verhaltensweisen

Repetitive oder stereotype Verhaltensweisen stellen eine recht große Gruppe von Verhaltensweisen dar. Dazu gehören sowohl kleine Tics (minimale Muskelzuckungen), wie auch komplexe obsessive Störungen. Allen gemeinsam ist eine stete getriebene Wiederholung einer motorischen Aktivität oder Vokalisation, die nicht der vorliegenden Gesamtsituation angemessen ist. In der Praxis beobachtet man permanentes Lecken, Nägelkauen, Schwanzjagen, Schatten/ Lichtreflexe jagen, Kreislaufen oder Graben. Die Verhaltensweisen werden durch kleine Reize, sogenannte Trigger, ausgelöst und können oft nicht mehr selbstständig vom Hund beendet werden, enden erst im Zustand der völligen Erschöpfung. Umweltbedingungen und Stresssituationen lösen das Verhalten zunächst aus, das auf die Tiere zunächst einmal beruhigend wirkt. Später verselbstständigen sich diese Verhaltensweisen unabhängig von den Umweltbedingungen. Als Differentialdiagnosen müssen immer organische Ursachen im Haut- oder auch ZNS-Bereich abgeklärt werden.

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