Normalverhalten

Normalverhalten beim Hund

Verhalten setzt sich immer aus Bewegungen, Lautäußerungen und Körperhaltungen zusammen. Es ist die Reaktion auf interne (z.B. hormonelle Botenstoffe des Gehirns) und externe Signale (z.B. Reaktionen anderer Lebewesen oder Lernerfahrungen) und ruft seinerseits wieder eine Reaktion hervor. Verhalten wird durch Motivation, Reifungs- und Lernprozesse lebenslänglich beeinflusst. Ziel von Verhalten kann die Optimierung der individuellen Fitness (IF = gute Anpassungsfähigkeit, nicht nur körperliche Stärke), der Arterhaltung oder der Erlangung von Ressourcen (RHP = Ressource-Holding-Potential = Fähigkeit eines Individuums, sich Zugang zu Ressourcen zu verschaffen und erfolgreich zu verteidigen) sein. Im Laufe der Evolution haben sich speziestypische Verhaltensweisen innerhalb verschiedener Nischen entwickelt. Verhaltensweisen, die nicht irgendeinem Zweck dienen, kommen bei gesunden Tieren faktisch nicht vor, denn jedes Verhalten kostet Energie, die wiederbeschafft werden muss! Hunde beachten daher die „Hauptregel“ des RHP-Prinzips: Will ein anderer Hund etwas unbedingt, dann lohnt es sich nicht, darüber in Streit zu geraten. Die Motivation aufeinandertreffender Hunde wird dabei nicht von Gewicht und Körpergröße beeinflusst. Dies kann sowohl in fremd aufeinandertreffenden Hundegruppen, als auch bei vertrauten Hundegruppen beobachtet werden. Die Standardstrategie der normalen Haushunde ist daher in den meisten Fällen nicht das Aggressionsverhalten, wenn er auf Artgenossen trifft.

Diese neuere Theorie des RHP widerspricht der vorherigen Dominanztheorie, bei der es in Wolfsrudeln oder Hundegruppen stärkere und schwächere Tiere gemäß einer Rangordnung gibt und die stärkeren Tiere rücksichtslos und oft mit Aggression ihre Interessen durchsetzen. Zeigt ein ranghöheres Tier Schwächen, versuchen die Rangniederen, ihre Position auch wieder durch aggressives Verhalten zu erhöhen und zu verbessern. Grundlage dieser jahrzehntelangen Theorie, die sich auch leider bis heute noch beharrlich sogar in diversen Hundetrainerkreisen hält, sind Beobachtungen an Gehegewölfen, die einfach auf recht engem Raum von Menschen zu einer Gruppe zusammengefasst wurden. Hier entstand einfach ein enormer Stress bei den Tieren aufgrund der Haltungsbedingungen und es wurden verstärkt aggressive Verhaltensweisen beobachtet. Bereits in den 1970-er Jahren erklärte der Biologe und Wolfsforscher David Mech aber , dass diese Verhaltensweisen kein Normalverhalten darstellen und sich nicht auf Wölfe und Hunde übertragen lassen könnten. Tatsache ist, dass Wölfe in Rudeln, festen verwandten Familienverbänden, leben, bei denen die älteren Tiere sehr liebevoll und fürsorglich mit den jüngeren oder schwächeren Rudelmitgliedern umgehen. Auch in Hundegruppen kann man nicht das „Streben einzelner Hunde nach der Weltherrschaft“ erkennen, sondern auch hier ist ein respektvoller friedlicher Umgang miteinander zu beobachten, wo den Jungtieren lediglich konsequent Grenzen aufgezeigt werden ohne massives Aggressionsverhalten. Als Hundehalter sollte man sich also quasi als Elternersatz seines Hundes betrachten, bei dem der Hund immer vertrauensvoll Zuflucht suchen kann und mit seinen Ängsten und Unsicherheiten nicht allein gelassen wird. Auch bei Hundebegegnungen lässt man die Hunde das nicht „unter sich“ regeln, sondern greift notfalls ein und unterstützt seinen Hund. Ständiges aggressives Auftreten gegenüber seinem Hund und unsinnige Verbote (keinen erhöhten Liegeplatz zulassen, nicht zuerst fressen lassen, nicht vorlaufen, nicht zuerst durch die Tür gehen etc.) sollten also der Vergangenheit angehören und ein freundlicher, konsequenter Umgang sollte an diese Stelle treten. Dies gilt auch für das Verhalten gegenüber Ängsten seines Hundes. Noch vor wenigen Jahren sollten die Ängste eines Hundes strikt ignoriert werden, da man sonst diese Verhaltensweisen bestärken würde. Dies ist so ethisch nicht länger haltbar. Ein Hund soll in Angstsituationen Zuwendung, Trost und Sicherheit bekommen, wie beispielsweise bei Gewitter oder sonstigen dem Hund unheimlichen Situationen. Auch ein Tierarztbesuch stellt eine bedrohliche Situation dar, in der der Hund von seinem Besitzer Verständnis erwarten kann. Ebenso muss sich das Praxispersonal auf Angstreaktionen in Form von Flucht- oder Drohverhalten einstellen, wenn Hunde diese Situationen nicht gewöhnt sind. Strafen sind hier nicht angebracht, sondern Ruhe, Verständnis, Pausen und gegebenenfalls mehrere Termine und geeignete Managementmaßnahmen, wie ein vorsorgliches gut aufgebautes Maulkorbtraining.

AWB-2142148100