Fachbegriffe

Fachbegriffe in der Verhaltenskunde und Verhaltenstherapie

Bei der Beschreibung von Verhalten gebraucht man einige spezielle Fachbegriffe:

Reflex und klassische Konditionierung

Der Reflex ist die automatisch ablaufende Reaktion eines Organs auf einen Sinnesreiz (z. B. Pupillarreflex). Bei einem bedingten Reflex wird zeitgleich mit einem natürlichen Reiz ein künstlicher Reiz gesetzt. Durch ständige Wiederholungen kann der Reflex später dann nur durch den künstlichen Reiz allein ausgelöst werden (z.B. Pawlow Hund) Diesen Lernvorgang nennt man klassische Konditionierung. Sie begegnet uns sehr häufig im Alltag mit unseren Hunden, vor allem auch ungewollt, denn jede Emotion kann klassisch konditioniert werden, da der Schüler keine Kontrolle über den Reiz und seine Reaktion hat. Die klassische Konditionierung ist vor allem bei der Entstehung von Angstverhalten ein wichtiges Element und spielt auch in der Verhaltenstherapie eine besondere Rolle, denn man kann mit ihr Emotionen beeinflussen. Hier spricht man dann von der klassischen Gegenkonditionierung.

Ein typisches Beispiel für eine klassische Konditionierung im Alltag sieht man, wenn man sich anzieht für den Hundespaziergang und nimmt die Leine in die Hand. Schon steht der Hund erwartungsvoll neben uns, denn er hat die Verknüpfung hergestellt: Leine bedeutet Spazierengehen.

Eine gewollte klassische Konditionierung ist die Einführung des Clickers/ Markerworts beim Hundetraining. Der Hund lernt, dass auf ein bisher völlig neutrales Geräusch/ Wort zuverlässig eine Belohnung kommt. Zu Beginn erhält der Hund immer unmittelbar nach dem Click/ Wort eine Belohnung innerhalb von 1-3 Sekunden. Wenn er diese Verknüpfung dann begriffen hat, hat man im weiteren Training etwas mehr Zeit, die Belohnung nach dem Click/ Markerwort zu geben, da der Hund sich der Belohnung auf jeden Fall sicher sein kann und durch das genau zeitlich richtig gesetzte Click/ Markerwort auch das richtige Verhalten mit der Belohnung verknüpfen kann.

Operante Konditionierung

Diese Lernform durch Lernen am Erfolg ist eine der häufigsten Trainingsmethoden im Hundetraining. Ihre Anwendung geht zurück auf die Versuch-und Irrtum-Theorie von Edward Thorndike im Jahr 1911. B. Skinner führte diese Versuche dann weiter. In den 40-er und 50-er Jahren gewannen diese sogenannten behavioristischen Lerntheorien zunehmend an Bedeutung und sind auch heute noch in vielen Gebieten der Pädagogik und Psychologie nicht mehr wegzudenken. Der Schüler lernt in diesem Prozess bewusst anhand der Konsequenz, die auf sein gezeigtes Verhalten folgt. Hier ist also ein sehr gutes Timing wichtig.

Zum Zeitpunkt der ersten Anwendung dieses Lernmodells gingen die Wissenschaftler noch davon aus, dass Tiere keine Emotionen und Motivationen haben und daher ihr Verhalten durch ein definiertes äußeres Setting (Laborbedingung) immer zuverlässig abrufbar sei. Mittlerweile sind wir bei den Lerntheorien schon einige Schritte weiter und wir wissen, dass Hunde ebenso emotional reagieren wie wir, dass sie unterschiedliche Charaktere/ Persönlichkeiten haben und dass ihre Lernerfahrungen, ihr Umfeld, der mit ihnen agierende Mensch und ihre Motivation ebenfalls bedeutende Rollen spielen. Konsequenzen für ein Verhalten können folgende Verstärker sein, die dann auch wieder ihrerseits Emotionen beim Schüler auslösen können:

  • Positive Belohnung = etwas Gutes wird hinzugefügt; Emotion: Freude
    Diese Form von Training sollte am häufigsten eingesetzt werden.
  • Positive Strafe = etwas Unangenehmes wird hinzugefügt, Emotion: Angst, Unsicherheit, Schmerz

Positive Strafe verändert beim Schüler nicht die zu Grunde liegende Motivation, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen, sondern unterdrückt das Verhalten nur. Hinzu kommt die Tatsache, dass der Schüler zwar lernt, was er nicht tun soll, aber er erfährt nicht, was er stattdessen tun soll, um der positiven Strafe zu entgehen. Folgen der positiven Strafe können sein: Eine Belastung der Mensch-Hund Beziehung, erhöhte Ängstlichkeit des Hundes, Resignation, psychosomatische Erkrankungen. Aus diesem Grund befindet man sich bei der Anwendung von positiver Strafe schnell im tierschutzwidrigen Bereich:

  • Negative Belohnung = etwas Unangenehmes wird weggenommen, Emotion: Erleichterung, Stressreduzierung
  • Negative Strafe = etwas Gutes wird weggenommen, Emotion: Enttäuschung, Frustration

Man geht also davon aus, dass ein Verhalten durch zeitgerechte positive Belohnung öfter auftritt und dabei eine freudige Emotion im Schüler entsteht.

Um erwünschtes Verhalten zu bekommen, müssen wir uns daher wesentlich mehr mit dem Umfeld der Hunde, ihrer Geschichte und Lernerfahrungen und ihren Besitzern beschäftigen.

Löschung/ Extinktion

Hierbei wird durch absichtsvolles Ignorieren eine Verhaltensweise weniger ausgelöst, bis sie schließlich nicht mehr gezeigt wird. Unabsichtlich geschieht dies, wenn gewünschte Verhaltensweisen fast gar nicht mehr belohnt oder gelobt werden.

Ambivalentes Verhalten

Wenn 2 Verhaltensweisen sich gegenseitig blockieren, kommt es bei dem Tier zu einem Konflikt. Diesen kann das Tier unterschiedlich lösen. Es zeigt abwechselnd 2 unterschiedliche = ambivalente Verhaltensweisen (beim Hund z. B. auf den Rücken legen und die Zähne fletschen = Unterwerfung und Drohung) oder es zeigt eine Umorientierung.

Umorientierung

Hierbei wird die Verhaltensweise auf ein anderes Objekt umgeleitet (z. B. beißt ein Hund in Gegenstände, da er sich nicht an den Kampfpartner herantraut). Dieses Verhalten beobachtet man auch häufig bei Frustrationen. (z.B. zergeln an der Leine oder schnappen nach dem Hundehalter, wenn man nicht zu einem anderen Hund kommt)

Übersprunghandlung

Hierbei werden Verhaltensweisen gezeigt, die aus anderen Funktionskreisen kommen und eigentlich nicht zur Situation passen. (z.B. bekommt ein Hund einen „Sitz“-Befehl, befolgt ihn nicht und kratzt sich stattdessen am Ohr oder gähnt)

Handlungskette

Ein Verhalten ist der Auslöser für ein anderes, direkt im Anschluss erfolgendes Verhalten (z.B. schnüffeln – Urin absetzen –scharren beim Ausscheidungsverhalten)

Prägung

Dies ist ein fester Vorgang, der zu einem genetisch festgelegten Zeitpunkt auf ein ganz bestimmtes Auslösesignal ein danach festes Verhalten auslöst. Auf diese Weise kann man beispielsweise als Züchter bei Hunden den bevorzugten Untergrund für den Kot- und Urinabsatz prägen. Prägevorgänge lassen sich nicht rückgängig machen.

Sozialisation

Unter Sozialisation versteht man eine Entwicklung, die dazu führt, dass ein Individuum überhaupt in einer Gesellschaft leben kann. Sie umfasst das Erkennen der Mitglieder dieser Gesellschaft und die erfolgreiche Kommunikation mit diesen Mitgliedern. Sozialisation beim Hund findet daher in der Regel mit anderen Hunden und mit Menschen statt, da dies die beiden Spezies sind, mit denen Hunde zusammenleben, hinzu kommen dann noch andere Tierarten, die der Hund in seinem Leben noch trifft. Bei Herdenschutzhunden erfolgt beispielsweise eine sehr gezielte Sozialisierung auf seine Schafe.

Habituation

Die Habituation ist die Gewöhnung an die unbelebte Umwelt, wie Fahrzeuge, Objekte, Geräusche etc. Die Habituation ist eine sinnvolle Anpassung des Organismus, um nicht ständig auf unwichtige Umweltreize zu reagieren und so sinnlose Energie zu verbrauchen.

Sensibilisierung

Hier kommt es zu einer Zunahme der Reaktion auf äußere Reize und geschieht auch unbewusst. Welpen, die zu früh oder zu stark mit Reizen konfrontiert werden, können statt der geplanten Gewöhnung so auch sensibilisiert werden. Häufig liegt hier die Ursache von Angststörungen

Generalisierung

Festigung von Verhaltensweisen in unterschiedlichen Umgebungen und mit unterschiedlichen Ablenkungen. Hunde haben große Probleme mit der Generalisierung, daher müssen alle antrainierten Verhaltensweisen unbedingt mit einer großen Zahl von Wiederholungen unter verschiedenen Bedingungen gefestigt werden.

Coping

Dies sind Verhaltensstrategien, die in bestimmten Konfliktsituationen, wie z.B. Stress gezeigt werden und zu der eigentlichen Situation eigentlich nicht passen. Kratzen, den Blick abwenden, trinken, buddeln etc. können solche Strategien sein

Flooding

Der Hund wird solange mit einem Reiz, der eine unerwünschte Reaktion auslöst, konfrontiert, bis diese Reaktion nicht mehr erfolgt. Beispielsweise wird ein Hund mit Angst vor Straßenlärm und Fahrzeugen an einer belebten Straßenkreuzung festgehalten und unmittelbar mit den Angstreizen konfrontiert, wobei jedes Flucht- oder Meideverhalten unterbunden wird. Dadurch erfolgt einerseits eine gewisse Ermüdung und gleichzeitig die Wahrnehmung, dass Flucht als Lösung in dieser Situation nicht möglich/ erforderlich ist. Flooding darf erst beendet werden, wenn keine unerwünschte Reaktion mehr besteht. Flooding hat tierschutzrechtliche Relevanz und ist daher abzulehnen.

AWB-2142148100