Ethogramm

Das Ethogramm

Die Elemente des sichtbaren Verhaltens einer Art werden in einem sogenannten Ethogramm zusammengefasst. Hierbei werden Verhaltensweisen, welche regelmäßig vorkommen, objektiv beobachtend beschrieben und können dann auch einem Verhaltensfunktionskreis zugeordnet werden. Ich möchte an dieser Stelle als Grundlage das Ethogramm nach Feddersen-Petersen und Zimen (2008/1971) verwenden und abweichende Interpretationen der Verhaltensweisen der neueren Literatur (J. Bradshaw – Hundeverstand) daneben erwähnen.

Als Hauptverhaltensfunktionskreise bezeichnet man beim Hund Ernährungsverhalten, Ausscheidungsverhalten, Sozialverhalten, Jagdverhalten, Sexualverhalten, Ausruhverhalten, Komfortverhalten und Erkundungsverhalten, die sich dann in einzelne Verhaltensweisen untergliedern.

  • Ernährungsverhalten
    • Nahrungserwerb
    • Nahrungsaufnahme
    • Nahrungstransport
    • Aufbewahrung
  • Ausscheidungsverhalten
    • das Suchen eines geeigneten Ortes
    • Riechen
    • Scharren
    • die Art und Weise des Kot- und Urinabsatzes
  • Sozialverhalten
    • Geburts-und Aufzuchtverhalten
    • Welpenverhalten
    • Spielverhalten
      • Vorderkörpertiefstellung als Spielaufforderung
      • Spielgesicht
      • Wechselndes Jagen und Folgen
      • Spiellaute
      • Objektspiele
      • Solitärspiele
    • Imponieren
      • Schieben
      • Drängeln
      • Scharren
      • Imponiertragen von Gegenständen
      • T-Stellung
      • Kopf/Pfote auf den Rücken legen
    • Sozialgesten
      • Entspannte Annäherung
      • Augenkontakt
      • Fellwittern
      • Fellknabbern
      • Schnauzenkontakt
      • Kopf anschmiegen
      • Nebeneinanderlaufen
      • Entspanntes Übereinanderstehen
      • Kontaktliegen
      • Übersprungshandlungen (Verhalten, das nicht zum Kontext der Situation gehört)
      • Submissives Verhalten
        • Aktive Demut
        • Passive Demut
        • Schnauzenlecken (licking intention)
        • Submissive Grin (Lächeln)
        • Auf die Seite/ auf den Rücken rollen
    • aggressives Verhalten.
      • Defensives, unsicheres Drohverhalten
        • Gebissklappen
        • Blick abwenden
        • Abwehrschnappen
        • Knurren
        • Gesträubtes Fell
        • Voll Zähneblecken
        • Zurückweichende Körperhaltung
      • Offensives, sicheres Drohverhalten
        • Blickkontakt
        • Nur leichtes Zähne blecken im Vorderbereich
        • Gesträubtes Fell
        • Knurren
        • Nach vorn orientierte Körperhaltung
      • Angriff
        • Beißen
        • Ernstkampf
    • Rückzugsverhalten (hier vor allem Rückzug bei Menschenkontakt ohne vorherige Drohung)
      • Abwenden
      • Abstand halten
      • Entziehen
  • Jagdverhalten
    • Suchen/Finden der Beute
    • Verfolgen/ Hetzen der Beute
      • Anschleichen
    • Packen der Beute
      • Anspringen
      • Stoßen
    • Töten der Beute
      • Genickbiss
      • Totschütteln
    • Tragen der Beute
  • Sexualverhalten
    • Nachlaufen
    • Aufspringen
    • Pfote auf den Rücken legen
    • Drängeln
    • Genitallecken und präsentieren
    • Der eigentliche Deckakt
  • Ausruhverhalten
    • Gähnen
    • Stehen
    • Sitzen
    • Kreistreten
    • Scharren
    • Niederlegen
  • Komfortverhalten
    • Kratzen
    • Schütteln
    • Knabbern
    • Lecken
    • Strecken
    • Wälzen, Räkeln
    • Schnauze reiben
    • Gegenseitige Fellpflege (Allogrooming)
  • Erkundungsverhalten
    • Wittern
    • Schnuppern
    • Anstoßen
    • Betasten
    • Kopf schief legen
    • Vorstehen
    • Beobachtungsliegen

Einzelne Verhaltenselemente können auch durchaus in verschiedenen Verhaltensfunktionskreisen oder als Übersprunghandlung ohne Bezug zur Situation auftreten und daher ist die neutrale Verhaltensbeschreibung und der Kontext der Gesamtsituation, in der das Verhalten gezeigt wird, sehr wichtig zur Beurteilung der Kommunikation. Hier sind Hundehalter teilweise oft überfordert und ordnen das Verhalten ihres Hundes nicht richtig ein. Gerade auch bei Besuchen in der Tierarztpraxis erlebt man die Hunde und ihre Besitzer doch in einer Ausnahmesituation, die für Unerfahrenen nicht immer leicht zu interpretieren ist. Das genaue Erkennen und Zuordnen eines Verhaltens und das daraus resultierende adäquate eigene Verhalten gegenüber seinem Hund und in der jeweiligen Situation ist nur sehr schwer auf wenigen Seiten zu beschreiben, so dass ich hier nur auf einige Verhaltensweisen beispielhaft eingehen möchte und auf die entsprechende Fachliteratur zur Vertiefung verweise.

Neutralhaltung

Sehr wichtig sind die Verhaltensweisen des Funktionskreises Sozialverhalten, vor allem auch zum Verständnis im Umgang mit dem Menschen. Hierzu sollte man unbedingt die normale, quasi neutrale Körperhaltung der einzelnen Hunderassen kennen. Sie ist gekennzeichnet durch einen freundlich-selbstbewussten Ausdruck mit einer aufrechten Körperhaltung, aufgerichteten Ohren, erhobenem Kopf mit Blick auf den Partner. Die Rute wird rassebedingt entspannt getragen.

Irish Terrier in entspannter Neutralhaltung

Aktive Demut

Eine weitere Körperhaltung, die auch im Umgang mit Menschen bei Hunden oft zu beobachten ist, ist die sogenannte aktive Unterwerfung/Demut. Man sieht eine leicht geduckte Körperhaltung, die Ohren sind angelegt, Kopf und Blick gehen in Richtung Partner, die Rute leicht wedelnd gesenkt. Die Mundwinkel werden geleckt, die Hunde fiepen und winseln.

Aktive Demut

Die bisherigen Interpretationen dieser Gesten ergaben sich aus Beobachtungen von künstlich zusammengesetzten Gruppen in Gefangenschaft und sind offensichtlich ein erlerntes Standardverhalten in diesem Lebensumfeld auf Drohung. In der neueren Literatur wird die Geste der aktiven Demut eher als Zugehörigkeitsgeste bezeichnet, denn innerhalb von Wolfsrudeln geht diesem Verhalten meist keine Drohung voraus, sondern erfolgt eher spontan. Definitionsgemäß sollte eine Unterwerfungsgeste auch einen deeskalierenden Effekt beim Gegenüber haben und dem Angreifer signalisieren, dass sich ein Angriff nicht lohnt. Tatsächlich ist es beim Zusammentreffen von zwei verschiedenen Wolfsrudeln aber so, dass bei Ausführung dieser Geste es trotzdem zu aggressivem Verhalten bis zur Tötung des „sich Unterwerfenden“ kommt, da Wölfe aus verschiedenen Rudeln keine gemeinsamen Interessen haben, sondern konkurrieren. Auch ist diese Geste kein Zeichen für mangelndes Selbstbewusstsein oder ein schlechtes Gewissen, sondern eine freundliche Geste, die vom Partner auch positiv beantwortet werden sollte. Es ist also auch im Umgang mit Hunden an dieser Stelle zu bedenken, wie die Körpersignale bei Hundebegegnungen fremder Hunde zu bewerten sind.

Passive Demut

Ein weiterer Begriff ist die passive Unterwerfung/ Demut. Hier scheint es sich um eine tatsächliche Unterwerfungsgeste zu handeln, die ihren Ursprung im Welpenverhalten hat. Die Wölfe/Hunde legen sich auf die Seite oder den Rücken und zeigen ihren Bauch.

Passive Demut

Diese Geste kann allerdings nur äußerst selten in freilebenden Wolfrudeln beobachtet werden, so dass Zoologen und Verhaltensbiologen derzeit davon ausgehen, dass sich dieses Verhalten als künstliches Verhaltensritual zur Deeskalation in gefangenen Wolfsgruppen entwickelt hat und die Interpretation auf freilebende Wölfe eigentlich daher nicht anwendbar ist.

Ebenso ist die Interpretation von Hundeverhalten bei diesen Gesten neu zu überdenken.

Ängstlich-beschwichtigender Ausdruck

Leicht geduckter Körper, Kopf gesenkt, Blick abgewendet, Ohren seitlich eingedreht, Rute eingezogen.

Ängstlich beschwichtigend

Bevor ein Hund sich aktiv wehrt, zeigt er zunächst, dass er sich unwohl und bedroht fühlt, aber eigentlich kein Interesse an einer ernsthaften Auseinandersetzung hat. Führt dieses Verhalten bei seinem Gegenüber nicht zu einer Beschwichtigung, so kann das Verhalten in Abwehrdrohen übergehen oder in einen Fluchtversuch.

Imponierender- drohender Ausdruck

Aufrechte Körperhaltung eher nach vorn orientiert, erhobener Kopf, zugewandter Blick, Ohren aufgestellt, Beine durchgedrückt, Schwanz senkrecht erhoben.

Nach vorn orientierte Imponierhaltung

Imponierhaltung

Pfote auflegen als Imponier und Dominiergeste, könnte hier auch durch Aufreiten erweitert werden

Das Imponieren soll als Drohung verstanden werden. Manchmal zeigt der Hund auch Knurren, Scharren, gesträubtes Nackenfell oder legt die Pfote auf seinen Gegner. Der eigentliche Sinn ist es jedoch, ernsthafte körperliche Auseinandersetzungen zu vermeiden. Ein Hund zeigt ein besonders langes und ausgeprägtes Imponiergehabe, wenn er auf einen etwa gleichstarken Gegner trifft.

Angriffsdrohung

Steife, aufrechte Körperhaltung, vorgestreckter Kopf, fixierender Blick, gerunzelter Nasenrücken, gebleckte Zähne, kurze runde Mundwinkel, Ohren angelegt, Nackenfell gesträubt, Schwanz erhoben. In dieser Haltung ist der Hund zum Angriff bereit und zeigt dies auch mit ernsthaftem Knurren, Bellen und Anspringen des Gegners. In diesem Zustand ist ein Hund gefährlich.

Drohgesicht

Nach vorn gerichtete Drohhaltung

Nach vorn gerichtete Drohhaltung

Drohgesicht

Spielausdruck

Im Spiel findet man alle Körpergesten aus den unterschiedlichen Funktionskreisen wieder, nur werden sie meist in stark übertriebener Form ausgeführt. Spielverhalten unterscheidet sich vom „Ernstverhalten“ dadurch, dass die Rollen der Spielpartner ständig wechseln, beispielsweise in einem Jagdspiel. Häufig sieht man auf Hundewiesen vermeintlich spielende Hunde, wobei es sich dort aber tatsächlich oft um eine Form von Mobbing handelt, wenn der Jäger immer die Rolle beibehält, ebenso wie der Gejagte und sich dann noch manchmal andere Hunde zu dieser Jägersituation dazugesellen.

Rangelei unter Geschwistern

Dies ist kein Spielausdruck, sondern hier flieht ein Jagdopfer!

Auch dies ist ein spielerischer Scheinkampf

Die typische Spielaufforderungsgeste ist die Vorderkörpertiefstellung mit Blick auf den Partner, einer langen Maulspalte und einer entspannt wedelnden Rute

Spielaufforderung

Alle Signale der vorhergehend beschriebenen Ausdrucksverhalten werden im Spiel untereinander erprobt und eingesetzt. Nur so lernen die Hunde den Umgang miteinander.

Beschwichtigungssignale, Übersprungshandlungen

Gähnen, den Blick abwenden, Kratzen, Mundwinkel lecken.

All dies wird gezeigt, um aggressive Stimmungen zu entschärfen und den Gegner zu beruhigen. Im Spiel untereinander sind diese Gesten sehr häufig zu beobachten.

Gähnen

Kratzen

In die Leine beißen als Übersprungshandlung

Lecken über den Fang mit halbgeschlossenen Augen

AWB-2142148100